Von Günter Haaf

Na also! Deutschland ist doch nicht Sibirien. Wo kämen wir denn hin, wenn uns die Wasserleitungen im Boden einfrören und jedes Gewässer von der Schlei bis zum Bodensee als Jahrmarkt mißbraucht würde? Wenn Bundesregierung und Bundesanstalt für Arbeit jede, aber auch jede Arbeitslosenzahl auf das Hoch im Norden schieben könnte? Wenn die high tech des Südens in der Tiefe des weißen Traums spurlos versinken würde?

Nein, da richten wir lieber wie gewohnt die Nase nach Westen und lassen uns aus grauen Wolkenfetzen den – erstaunlich warmen – Regen ins Gesicht schütten. Sobald die Granulatdünen entlang der Straßen zusammengekratzt sind, wird nur noch die Erinnerung zurückgeblieben sein und ein leerer Öltank.

Jetzt, da die Bremswege wieder kürzer als die Tage sind, wagen sich mit den ersten Krokussen auch die Wetterfrösche hervor. Ihr Winter endete am 28. Februar, als das Quecksilber morgens noch gar nicht aus der kuschligen Kugel am unteren Ende des Thermometers heraus wollte und manchem Ort den kältesten Märzanfang seit Beginn aller Aufzeichnungen bescherte. Natürlich nehmen sie uns mit ihren meteorologischen Statistiken sogleich das Gefühl, dabeigewesen zu sein bei einem Jahrhundertwinter: zu früher Wintereinbruch im November, zu warmer Dezember, zu feuchter Januar, keineswegs überragend kalter Februar – also insgesamt ein statistisch gesehen nicht so ungewöhnlicher Winter.

Nun weiß ja inzwischen jeder, daß Durchschnittswerte jenes angenehme Gefühl eines Mannes sind, der mit einem Bein auf der glühenden Herdplatte, mit dem anderen in der Tiefkühltruhe steht. Gab es nicht am 22. Februar im niedersächsischen Lüchow am Erdboden minus dreißig Grad Celsius? Versanken nicht mehr oder minder winterharte Landstriche – München und Rom, Südtirol und Nordspanien, die Alpen wie die Pyrenäen – teils mehrfach in tiefem Schnee? Waren nicht die Binnenschiffe ein-, die Hamburger Außenalster zu- und die Ostsee beinahe gefroren?

Gewiß, sagen die Meteorologen und blättern in ihren Statistiken, der Februar lag zum Beispiel in Hamburg mit einem Mittelwert von minus 3,8 Grad Celsius um genau fünf Grad unter dem Durchschnittswert. Aber 1963 war es ebenso kalt. Und 1956 (minus 6,5), 1947 (minus 6,9) und 1929 (minus 8,8) lagen die Februar-Durchschnittswerte erheblich tiefer.

Uns Laien erschien der Februar kalt genug. Das schon, räumen die Wetterkundler ein, doch Klima-Rekorde sind nun einmal nicht so leicht zu übertreffen, was – noch eine Statistik – zum Beispiel auch die sogenannte Kältesumme belegt. Nach dieser Summe aller täglichen Durchschnittstemperaturen eines Monats erreicht der vergangene Monat immerhin (in Hamburg) den Wert "108"; im Februar 1956 sammelten sich dagegen 195 Kältegrade an, 1929 sogar 216.