ARD, Mittwoch, 19. März und Sonntag, 23. März, jeweils 20.15 Uhr: „Das Totenreich“ von Karin Brandauer

Jytte ist ein elegisches Wesen. Der Zwiespalt nagt in ihr. Sie hat Angst vor dem Leben. Zugleich sehnt sie sich verzweifelt nach Glück und Erfüllung. Jytte ist eine der vielen Bewohner des „Totenreichs“, das nicht im Jenseits liegt, sondern in Dänemark, zu Beginn unseres Jahrhunderts.

Der dieses Totenreich heraufbeschwor – „eine Vision von einer zum Tode verurteilten Gesellschaft“ – war der dänische Schriftsteller Henrik Pontoppidan (1857-1943), den Georg Lukacs „einen der letzten großen Epiker“ nannte und der zusammen mit seinem dichtenden Landsmann Karl Gjellerup 1917 den Nobelpreis für Literatur erhielt. Pontoppidan, ein scharfer, scharfsinniger Kritiker seiner Zeit, entstammte einer alten Pfarrerfamilie. Mit „Das Totenreich“, dem Abschluß eines dreiteiligen Romanzyklus, hat er ein monumentales Werk geschaffen, ein Panorama des politischen, wirtschaftlichen, religiösen und moralischen Lebens in seinem Land.

Eine Hauptfigur gibt es in diesem „Kollektivroman“ nicht, und doch nimmt Jytte, Tochter des verstorbenen Justizminister, die wichtigste Rolle ein. Sie ist so etwas wie ein Symbol für die aus den Fugen geratene Gesellschaft.

„Das Totenreich“ wurde von der österreichischen Dokumentar- und Spielfilmregisseurin Karin Brandauer in Szene gesetzt. Nicht gerade ein leichtes Unterfangen, aber geglückt. Kein Kostümfilm entstand, sondern ein aufwendig ausgestattetes Zeitfresko, das in üppigen Landschaftsbildern schwelgt und die wehmütig-dekadente Stimmung des Jahrhundertendes heraufbeschwört. Die gegensätzlichen Charaktere der dänischen Gesellschaft, Vertreter des Fortschritts hier, Anhänger der Restauration dort, hat die Filmemacherin einfühlsam porträtiert. Auf der obersten politischen Ebene stehen sich der fortschrittliche ehemalige Ministerpräsident Tyge Enslev und konservative Kirchenvertreter gegenüber.

Doch der Riß zieht sich durch alle Schichten, durch einzelne Familien. Das macht Karin Brandauer in einer schönen Szene deutlich, wenngleich diese von dem etwas papierenen Dialog gestört wird. Zwei Brüder, der eine: konservativer Kirchenvertreter, der andere: freidenkender Arzt, begegnen einander nach langer Zeit wieder. Schon äußerlich wird die Kluft zwischen ihnen sichtbar. Der junge Pfarrer steht am Fenster, schaut von oben auf den Bruder. Der will einlenken, doch der Pfarrer rührt sich nicht von seinem Platz. Er bleibt für den Bruder unerreichbar, will bewahren, nicht verändern. Er ist ein aufrechter Mensch, der an das Gute glaubt und erst allmählich erkennt, daß seine Partei auch vor Korruption nicht zurückschreckt.

Von diesen Machenschaften erzählt eine andere traurige Geschichte. Ein Landpastor, aus moralischen Gründen seines Amtes enthoben, zieht als Wanderprediger durch die Dörfer, verbreitet fortschrittliche Ideen, hat viel Zulauf. Als die Funktionäre glauben, er könne ihnen gefährlich werden, holen sie den heruntergekommenen Mann gnädig zurück in den Schoß der Kirche, bieten ihm eine Stellung in ihrer Parteizeitung an. In Wirklichkeit erhält er dort nur sein Gnadenbrot und darf keine Zeile seiner Ideen verbreiten. Als der bald darauf stirbt, fällt es dem jungen Pfarrer wie Schuppen von den Augen.