Von Dietrich Strothmann

Täuscht der erste Eindruck? Wenn Kurt Waldheim redet, reden seine Hände mit: lange, schlanke Hände. Sie könnten zu einem Pianisten passen. Ist Kurt Waldheim etwa eher ein Künstler? Ein Überlebenskünstler ist er gewiß. Die Nazizeit überstand er, den Krieg auch, wie viele in Österreich mit Glück und Verstand. Bisher machte er jedenfalls nicht viel Aufhebens davon.

In den ersten Jahren der zweiten Republik diente er sich, immer für Österreich, in der Diplomatie hoch, strebsam, fleißig, wohl auch zielstrebig, höhere Aufgaben, Ämter fest im klaren Auge. Botschafter war er, dann Außenminister. 1971 stellte er sich schon einmal für die oppositionelle Volkspartei als Kandidat zur Wahl als Staatspräsident, fiel aber durch und wechselte als Generalsekretär zu den Vereinten Nationen über, gewählt in diesen "schwierigsten Job der Welt" mit Hilfe des Sowjetblocks. Noch einmal wiedergewählt, schaffte er es zum dritten Mal doch nicht mehr, zog sich auf sein ansehnliches Anwesen nach Österreich zurück, schrieb Erinnerungen über die aufregenden New Yorker Jahre, ließ sich als Parteiloser dann letztes Jahr von der konservativ-bürgerlichen ÖVP zum Präsidentschaftskandidaten aufstellen und stieg wohlgemut und beinahe schon siegesgewiß in die Wahlkampfarena.

Wären da nicht die "Schmutzfinken" von der Presse gekommen und hätten ihre "Schmutzkübel" in einer "Schlammschlacht" über den honorigen, selbstbewußten, "tadellosen" Kurt Waldheim ausgeschüttet. Vorige Woche war es losgegangen: Waldheim, ein alter Nazi, ein Mitwisser des Massenmordes, ein großer Verschweiger und Verleugnen Alte Dokumente kamen zutage, die ihn als Mitglied einer SA-Reiterstaffel und des NS-Studentenbundes ausweisen. Aufgedeckt wurde auch, daß er als Ordonnanzoffizier der Heeresgruppe E unter General Alexander Lohr in Saloniki Dienst tat, als dort an die 40 000 Juden, in Wehrmachtswaggons und von der Wehrmacht verpflegt, nach Auschwitz und Treblinka deportiert wurden; daß er danach als Oberleutnant für "Feindaufklärung" (Ic im Stab) unter Lohr in Jugoslawien stationiert war, als dort Massaker an Partisanen verübt, ganze Dörfer eingeäschert und ganze Bevölkerungsteile niedergemacht wurden. General Lohr wurde deshalb 1947 von den Jugoslawen hingerichtet.

Waldheims Sündenregister? Gerade er, der selbst von seinen Widersachern in Wien und New York stets als überaus "korrekt und konkret" eingeschätzt worden war, beinahe ein mustergültiger, penibler Preuße, den es eher per Zufall ins Österreichische verschlagen hatte, der als der "erfolgreichste österreichische Diplomat seit Metternich" gepriesen und dem zum Abschied von den Vereinten Nationen nachgesagt wurde: "Er gab die Welt auf, um Österreich zu dienen." Gerade Kurt Waldheim also ein Mann mit brauner Vergangenheit, mit häßlichen Schatten? Ein Mann ohne Eigenschaften, wie ihm nachgesagt wurde? Die Gabe der Verdrängung, so schien es letzte Woche nach den Enthüllungen in dem Wiener Magazin Profil wie in der New York Times, ist ihm wohl eigen. Ein Mann auch ohne Leidenschaften, wie ihm spöttisch vorgehalten wurde? Nach ersten stotternden, hilflos abwiegelnden Beteuerungen, die auf ein striktes "Das stimmt nicht, auf keinen Fall" hinausliefen, ging Kurt Waldheim im Fernsehen und auf seinen Wahlkampfkundgebungen dann zornig zum Gegenangriff über.

Dabei sind die Merkwürdigkeiten in Waldheims Vergangenheit keineswegs völlig und überzeugend aufgehellt. Dabei weist seine teils energische, teils hinhaltende, geradezu um Nachsicht bittende Selbstverteidigung noch immer manche Ungereimtheiten auf. Die Sache mit der Reiter-SA: Die Eintragung als Mitglied sollen andere für ihn, ohne sein Wissen gemacht haben. Und daß dies später in NS-Fragebogen auftaucht, soll sein Vater veranlaßt haben. In seinen Entnazifizierungsakten mußte er das angeben, um seine Widerstandshaltung wie seine Karriere als Stipendiat und Gerichtsreferendar zu rechtfertigen. Die Sache mit dem NS-Studentenbund: Siehe oben (die Freunde, der Vater, die Widerstandskaschierung, der Rechtfertigungsdruck). Anwärter sei er vielleicht gewesen, räumt Waldheim ein, keinesfalls aber Mitglied. Und außerdem hätte ihm der niederösterreichische Gauleiter 1940 bescheinigt, wie unzuverlässig er sei.

Die Sache mit Saloniki: Er war auf einem Berg, sechs Kilometer von der Stadt entfernt, untergebracht gewesen, hätte nichts als Feindmeldungen registriert, auf Landkarten Stecknadeln angebracht und im übrigen nichts gehört, nichts gesehen, nichts gesagt. Darauf sei er bereit, so "unwahrscheinlich das auch klingen mag", vor jedem Priester einen heiligen Eid zu schwören. Das nimmt ihm aber nicht einmal der Nazi-Jäger Simon Wiesenthal ab, der Kurt Waldheim im übrigen voll deckt: Die Auflösung des Judengettos, die täglichen Verladungen von Männern und Frauen, Alten und Kindern mit Hilfe auch der Wehrmacht unter General Lohr über einen Monat lang, muß Tagesgespräch unter den unbeteiligten Offizieren gewesen sein.

Die Sache mit Jugoslawien: Waldheim registrierte zuständigkeitshalber Angriffe der Partisanen und Aktionen der Heeresgruppe gegen die "Banden". Gerade dafür wurde ihm, inzwischen zum Oberleutnant im Generalstab von Lohr befördert, auch der Zvonimir-Orden in Silber mit Eichenlaub des kroatischen Ustaschastaates verliehen, ein "Kukuruzorden", gewiß, den damals beinahe jeder bekam, der dort diesen Dienst tat. Aber auch von dem berüchtigten Löhr-Unternehmen "Schwarz", der gnadenlosen, massenweisen Vernichtung tatsächlicher und angeblicher Widerstandskämpfer, will Waldheim damals wieder nichts gehört, gesehen, gesagt haben. Wie die Massendeportationen der Juden, so ist ihm auch der Massentod der Partisanen erst jetzt, erst aus den aktuellen Zeitungsberichten bekannt geworden, zum ersten Mal nach mehr als vierzig Jahren ...

Die Merkwürdigkeiten damals und heute im Leben des 67jährigen Kurt Waldheim: Er nennt es eine "Köpenickiade", die gegen ihn aufgeführt wird – und sein charmant-galantes Lächeln gefriert, seine zarten Pianistenfinger stoßen wie Pfeile in die Luft. Seit Stunden schon gibt der Kandidat an diesem Tag in seinem angemieteten Wahlkampfbüro in der Wiener Argentinierstraße nur noch Interviews, Rechtfertigungsinterviews: Aufklärung eines ehemaligen "Feindaufklärers". Tage geht das nun schon so. Und dazwischen, quer durch das Land, Kundgebungen, die zu Demonstrationen für Waldheim werden. Dabei appelliert er dann, in Anlehnung an Wahlsprüche wie "Ein Österreicher, dem die Welt vertraut", "Seine Erfahrung für uns alle", an die anständigen Landsleute, die damals wie er "nur ihre Pflicht getan" hätten.

In seinem spärlich eingerichteten Kandidaten-Dienstzimmer setzt er noch einen Keil auf diesen groben Wahlkampfklotz: "Es ist doch eine Schande, anständige Soldaten derart in den Kot zu ziehen." Schließlich brauche Österreich gerade ihn, den Weltläufigen, Welterfahrenen, Weltklugen, die "frustrierte Jugend" vor allem, die sich "nach Vorbildern" sehnt. Kurt Waldheim sagt von sich, mit wieder lächelnder Würde, daß er das Zeug habe zu einem "Präsidenten, der entschlossen ist, die Krisen in der durcheinandergeratenen Alpenrepublik zu meistern", gerade er, mit seiner "innenpolitischen und außenpolitischen Erfahrung". Und das muß nicht einmal wie eine selbstgefällige Übertreibung klingen. Es kann tatsächlich stimmen. Wie es ja auch wohl zutrifft, daß diesen "echten Österreicher" (Profil) – nun erst recht – nicht nur die alten und die jungen Nazis wählen werden, auch nicht die ganzen und halben Antisemiten (wegen der vom Jüdischen Weltkongreß mitgetragenen, von den Israelis geförderten "Kampagne"), sondern auch erboste Sozialisten.

Wen kümmert es da schon, daß derselbe Kurt Waldheim, der sich plötzlich wieder an möglichst alle wichtigen Einzelheiten besinnen muß, in seinem letzten Buch und in seinem offiziellen Wahlkampf-Lebenslauf über die Kriegszeit lediglich schreibt: An der Ostfront, verwundet, frontdienstuntauglich, Studium, Dissertation. Und dann war der Krieg, zum Glück, auch schon zu Ende. Punktum. "Die Zukunft – wie ungewiß auch immer – lag vor uns", heißt der Schlußsatz in seinem kurzen Lebenskapitel unter der bezeichnenden Überschrift "Schule des Überlebens" aus den jüngsten UN-Erinnerungen "Im Glaspalast der Weltpolitik". Wer im Glashaus sitzt...

So war das also gewesen. So war Kurt Waldheim, nach eigener gedruckter Bekundung, beinahe mühelos der Gnade der "Stunde Null" teilhaftig geworden, pflichtgetreu, wahrheitsgemäß. Saloniki – Schwamm drüber. Jugoslawien – Strich drunter. "In der Kürze liegt die Würze", gab Kurt Waldheim gewinnend, freundlich zur Antwort, als er gefragt wurde, warum er die Anschuldigungen anfangs mit einem knappen, platten "Nein" abgetan hatte. Über seine Jahre als UN-Generalsekretär sagte er einmal treffend: "Ich kann über vieles nicht sprechen, denn Verschwiegenheit und Diskretion sind die Voraussetzungen für einen Erfolg." Er kann es, will es vielleicht noch immer nicht, diesmal über seine Verstrickungen in unseliger Zeit. Er ist ein diplomatischer Schweiger.

Dabei täten sie ihm, offen gestanden, nicht den mindesten Schaden. Jedermann weiß, daß Kurt Waldheim kein Nazi war, daß an seinen Händen kein Blut klebt. Jedermann weiß auch, wie in Österreich schon vor Jahrzehnten von allen Parteien flugs und flüchtig, doch berechnend amnestiert und rehabilitiert wurde. Aber ob es auch stimmt, was dieser Tage höhnisch Bundeskanzler Fred Sinowatz bemerkte: "Wir wissen nun, daß Kurt Waldheim nicht zur Reiter-SA gehörte. Es war sein Pferd?" Und ob nicht nur den so gar nicht verlegenen Kandidaten nachdenklich stimmen wird, was im Zusammenhang mit der unerfreulichen Affäre der Zeithistoriker Gerhard Jagschitz, Professor am Wiener Institut für Zeitgeschichte, schrieb: "Das Sündenbockgeschrei verdeckt den Nährboden für unseren Alltagsfaschismus"? Der besorgte Historiker beklagt im Fall Waldheim die "Doppelbödigkeit, Opportunist zu sein und den anderen Opportunisten zu verachten, und die gefährliche Mischung aus buckelnder Untertänigkeit nach oben und erbarmungsloser Machtausübung nach unten".