Von Fritz J. Raddatz

Diese komische Erscheinung, die nun von allen geloht wird, weil es nicht gelungen ist, sie zu ersticken: ich Hubert Fichte

Hubert Fichte hat immer übertrieben. Seine letzte Übertreibung war der Tod. Es machte den Charme und die Schwingungen dieses "exzentrischen, halbjüdischen, schwulen Autors" (wie er sich nannte) aus, daß er sich und seine Arbeit über die Grenzen trieb. Seine Existenz wie seine Kunst waren ein großes Spiel, flimmernd und egomanisch, gütig und giftig. Ein Schleiertanz, wie ihn so exzessiv nur Else Lasker-Schüler, die Dichterin mit den vielen Lieben und vielen Namen, getanzt hat. Seine Briefe unterschrieb er mal mit Marcel, mal mit Bosswell, mal mit Madame Bovary oder Madame de Staël, mit Violette Le Duc oder Hubert Alexander von Fichte-Swann. Er nannte Westerland sein Balbec und das Hotel Du Palais in Biarritz "diese Hütte hier". Er rief tief nachts aus seinem "Salon" an, das war Hamburgs Hauptbahnhof, und fand es trivial, wenn man auf den jubelnden Todesschrei "ich bin heute nacht von einem Türken ermordet worden" leicht ungläubig reagierte.

Anekdoten dieser Art ließen sich Hunderte erzählen über den Mann, der im Maßanzug durch die schwulen Parks streunte, in einem Pariser Luxusrestaurant sagte "schicken Sie die Rechnung an Gallimard – ich bin Hubert Fichte" – und unwirsch reagierte, als dem Kellner das nichts bedeutete; oder über seinen letzten Wunsch – ein rotseidener Morgenmantel (den er nicht mehr sah). Es ist aber weit ernster als das Anekdotische. Schon sein Text über eine Morchelvergiftung führt das vor – die Kraft zur Selbsthalluzination: "Proust schildert das Auftauchen von Erinnerungsbildern anläßlich gegenwärtiger Geruchseindrücke. Bei mir tauchten anläßlich von Erinnerungsbildern so starke Geruchseindrücke auf, daß ich das Haar von Personen zu riechen meinte, denen ich vor zwanzig Jahren begegnet bin."

Das Prinzip der traumwandlerischen Grenzverletzungen war das ästhetische wie moralische Gesetz dieses bedeutenden Schriftstellers. "Lüge drückt eine doppelte Wahrheit aus" antwortete Fichte in seinem denkwürdigen ZEIT-Gespräch mit Jean Genet, als der gesagt hatte, "ich kann nur lügen". Hubert Fichte glaubte an das Wort. Sprache war ihm ein magisches Ritual – mit dem er eine ganz eigene Wirklichkeit herstellen konnte. Er tastete sich an den Gespinsten seiner Worte zurück in die Welt. Das Wort war ihm Schild, Waffe – und auch Rachepfeil. Die gigantischen Boshaftigkeitsarsenale, aus denen er sein Schmähvokabular schöpfte, wären ein eigenes Lexikon wert; wen er haßte oder verachtete – Rudolf Augstein etwa –, über den konnte er stundenlang das Gift der erfundenen Worte ausschütten. Fichte bekam an solchen Abenden etwas hexenhaft Tänzerisches, Unheimliches. Er puppte die vermeintlichen Feinde in das Spinnenweb seiner Worte ein, erstickte und verschlang sie gleichsam.

Und erschuf sich selber unerbittlich neu. "So imitieren, daß ich bin, was ich imitiere" hat er das einmal genannt. Es ist jener "Übergang", auf den Wolfgang von Wangenheim in seinem Fichte-Essay hinwies – Montaignes Satz "Je ne peinds pas l’estre, je peinds le passage" (Ich schildere nicht das Sein, ich schildere den Übergang). Zu Recht hat Wangenheim geschrieben, "in diesem intensiven Sinne ist ‚peindre le passage‘ auch Gegenstand der literarischen Arbeit von Hubert Fichte"; ist, könnte man hinzufügen, überhaupt das Wesen seiner Kunst. "Passage" war existentielle Haltung Fichtes und sein künstlerisches Credo. "Ich stelle mir meine Geburt als eine Reise vor", heißt es in einem seiner Texte – aber nie weiß er, Reise woher und wohin; weiß nicht einmal, wer da reist:

"Ich.