Seit Anfang der siebziger Jahre hat Siegfried Lenz, der am 17. März sechzig Jahre alt wird, als meistübersetzter und -gelesener westdeutscher Autor in der Sowjetunion die Position Bölls übernommen, Ist Lenz nicht prädestiniert dafür, von der sowjetischen Kritik als Muster kritisch-realistischer Literatur hingestellt zu werden? Er bekennt sich zu einer engagierten, gesellschaftskritischen Literatur; bei ihm gibt es keine Zweideutigkeiten; schließlich ist er ein „Erzähler im klassischen Sinne“, der das traditionelle Erzählen verteidigt und formal-stilistischen Neuerungen distanziert gegenübersteht.

Doch zögernd reagiert die sowjetische Kritik, wenn Lenz Zweifel säen oder das Scheitern menschlicher Entwürfe begründen will, sobald dieses nicht auf bestimmte gesellschaftliche Verhältnisse (Faschismus, Kapitalismus) bezogen ist.

Auf den sowjetischen Büchermarkt kam Lenz 1970 mit Erzählungen – einer Auswahl aus den drei Bänden „Jäger des Spotts“, „Das Feuerschiff“ und „Der Spielverderber“. Er wurde den sowjetischen Lesern also als engagierter, gesellschaftskritischer Autor präsentiert. Wie bei Böll rückte die Kritik zunächst den „kleinen Mann“ in den Vordergrund, in dessen Namen Lenz urteile und den er zu Veränderungen der politischen Verhältnisse aufrufe. Allerdings vermissen die Kritiker ein „positives“ Programm, eine politische Alternative.

Mit der „Deutschstunde“, die 1971 in der Sowjetunion erschien, wurde Lenz zu einem der populärsten westlichen Autoren. Dazu trug bei, daß der Roman außerdem in der Roman-gazeta in einer Auflage von zwei Millionen Exemplaren publiziert wurde. Die „Deutschstunde“ gilt in der sowjetischen Kritik als Höhepunkt im Schaffen von Lenz. Dabei beschränken sich die Kritiker durchaus nicht nur auf den politischen Hintergrund, sondern setzen sich auch mit den moralischen Fragen, die der Roman aufwirft, auseinander. Der „kleine Mann“ wird nicht mehr nur als Opfer der Verhältnisse, sondern auch als Mitverantwortlicher betrachtet. Andere Arbeiten – darunter auch eine Dissertation – behandeln formale und strukturelle Aspekte. Allerdings wird die Gegenüberstellung von Nansen und dem Polizeiposten Jepsen oft auch als zu schematisch und plakativ, die Erzählperspektive als künstlich kritisiert. Und man liest auch, daß Lenz keine „scharf ausgeprägte individuelle Stimme“ habe, daß es ihm an „Originalität“ mangele.

Vergleicht man die sowjetische Rezeption des Romans mit der westdeutschen, so ist es erstaunlich, daß die sowjetischen Kritiker offenbar weniger Bedenken gegen Lenz’ historisch politische Darstellung der Vergangenheit hatten als einige ihrer Kollegen in der Bundesrepublik, die „Idyllisierung“ und „Psychologisierung“ kritisierten.

In den Jahren nach 1971 wandte sich die sowjetische Kritik auch den frühen Werken von Lenz zu. Im Vordergrund stand, die realistische Methode von den „existentialistischen“ Anfängen abzugrenzen. Besonders deutlich wird das an dem Drama „Zeit der Schuldlosen“, 1972 in der Sowjetunion veröffentlicht. Während es Lenz hier vor allem um existentielle Fragen und moralische Verhaltensweisen geht, spricht die sowjetische Kritik von der Widerspiegelung faschistischer Verhältnisse oder sogar von Vertretern aller westdeutschen Gesellschaftsschichten, deren Verhalten die Entfremdung in der bürgerlichen Gesellschaft zeige.

Den Roman „Brot und Spiele“ – 1975 übersetzt – wertet man als Ausgangspunkt für Lenz’ Befreiung vom „Existentialismus“. Zwar werden auch die anderen frühen Werke besprochen, aber nicht publiziert. Die antifaschistische oder antibürgerliche Haltung ist der Kritik nicht konkret genug.