Indem ich von der Moderne durch das Christentum hindurch zur Antike zurückstieg, schien es mir unvermeidlich, eine zugleich sehr einfache und sehr allgemeine Frage zu stellen: Warum ist das sexuelle Verhalten, warum sind die dazugehörigen Betätigungen und Genüsse Gegenstand moralischer Sorge und Beunruhigung? Wieso diese ethische Sorge, die wichtiger erscheint als die moralische Aufmerksamkeit, die man auf andere wesentliche Bereiche im individuellen oder kollektiven Leben verwendet, etwa das Ernährungsverhalten oder die Erfüllung der staatsbürgerlichen Pflichten?

Die Frage, die als Leitfaden dienen sollte, schien mir also folgende zu sein: Wie, warum und in welcher Form ist die sexuelle Aktivität als moralischer Bereich konstituiert worden? Warum diese „Problematisierung“?

In welchen Punkten hat sich die Sexualmoral des Christentums am deutlichsten der Sexualmoral des alten Heidentums entgegengesetzt? Inzestverbot, Männerherrschaft, Unterwerfung der Frau? Dies sind wohl nicht die Antworten, die man zu hören bekäme: man kennt die Ausdehnung und die Beständigkeit dieser Phänomene in ihren verschiedenen Formen. Wahrscheinlicher würde man andere Unterscheidungspunkte anführen. Den Wert des sexuellen Aktes selber: das Christentum habe ihn mit dem Bösen, mit der Sünde, mit dem Tod verbunden, während die Antike ihn mit positiven Bedeutungen ausgestattet habe. Die Einschränkung des legitimen Partners: das Christentum habe ihn – im Gegensatz zu den griechischen oder römischen Gesellschaften – nur in der monogamen Ehe akzeptiert und ihm innerhalb dieser Ehelichkeit eine ausschließlich fortpflanzungsbezogene Rolle zugewiesen. Die Disqualifizierung der Beziehungen zwischen Individuen gleichen Geschlechts: das Christentum habe sie rigoros ausgeschlossen, während Griechenland sie gefeiert, Rom sie geduldet habe – zumindest zwischen Männern.

Zu diesen drei Hauptunterschieden könnte man den hohen moralischen und spirituellen Wert hinzufügen, den das Christentum – im Unterschied zur heidnischen Moral – der strengen Enthaltsamkeit, der dauernden Keuschheit und der Jungfräulichkeit zugesprochen habe. In allen diesen Punkten, die so lange Zeit für so wichtig genommen wurden – Natur des Geschlechtsaktes, monogame Treue, homosexuelle Verhältnisse, Keuschheit – scheint es, daß die Alten eher gleichgültig gewesen wären und daß nichts davon ihre Aufmerksamkeit sonderlich beansprucht oder für sie ein sehr akutes Problem dargestellt hätte.

Problematisierungen

Daß das kaum stimmt, läßt sich leicht zeigen. Man könnte es nachweisen, indem man die direkten Anleihen und die sehr engen Kontinuitäten aufzeigt, die man zwischen den ersten christlichen Lehren und der Moralphilosophie des Altertums feststellen kann: der erste große christliche Text, der der Sexualpraktik im Eheleben gewidmet ist – es ist das 10. Kapitel des Buches II des Paidagogos des Clemens von Alexandrien –, stützt sich auf einige Bibelstellen, aber auch auf zahlreiche Grundsätze und Ratschläge, die direkt der heidnischen Philosophie entliehen sind. In diesen stößt man bereits auf eine Verbindung zwischen der sexuellen Betätigung und dem Bösen, auf die Regel der Monogamie zum Zwecke der Fortpflanzung, auf die Verurteilung der gleichgeschlechtlichen Beziehungen, auf das Lob der Enthaltsamkeit. Ja, auch über einen viel längeren Zeitraum hinweg könnte man die Konstanz von Themen, Beunruhigungen und Anforderungen verfolgen, die zwar die christliche Ethik und Moral der modernen europäischen Gesellschaften geprägt haben, die aber bereits im Zentrum des griechischen oder griechisch-römischen Denkens deutlich präsent waren.

Die jungen Leute, die von Samenverlust befallen sind, „sind in der gesamten Körperhaltung von Hinfälligkeit und Alter gezeichnet; sie werden matt, kraftlos, starr, beschränkt, niedergedrückt, krumm, unfähig, bekommen eine fahle, weiße, weibische Hautfarbe, verlieren den Appetit und die Wärme, die Glieder werden schwerfällig, die Beine steif, sie werden äußerst schwach, mit einem Wort, fast gänzlich zerstört. Bei einigen führt diese Krankheit sogar zur Lähmung; wie sollte auch die Nervenkraft nicht angegriffen werden, wenn die Natur am Ort der Regeneration und an der Quelle des Lebens geschwächt ist? Diese an sich schon schändliche Krankheit ist gefährlich, weil sie zur Auszehrung führt, und schädlich für die Gesellschaft, insofern sie sich der Verbreitung der Art widersetzt; da sie in allen Beziehungen die Quelle einer Unzahl von Übeln ist, erfordert sie unverzügliche Hilfe.“ (Aretec de Cappadoce: Traité des Signes, des Causes et de la eure des maladies aigues et chroniques, Paris 1834)