Von Martin Lüdke

Man erzählte sich seinerzeit, als Max Horkheimer nur noch gelegentlich von seinem Alterssitz in Montagnola am Luganer See nach Frankfurt kam, auch um an dem Oberseminar seines Freundes Adorno teilzunehmen, unter den Studenten eine kleine Geschichte: Horkheimer, der Philosoph und Soziologe, der Direktor des Instituts für Sozialforschung und Begründer der Kritischen Theorie, der erst später so genannten „Frankfurter Schule“, war einmal mit einem hohen amerikanischen Beamten zusammengetroffen, der sich, beeindruckt von der Weitläufigkeit und dem Charisma des Wissenschaftlers, einige seiner Schriften erbat, worauf ihm Horkheimer generös erwiderte: Er könne gern alles haben. Der besorgte Amerikaner schickte, in der Gewißheit, daß ein Pkw nicht ausreichen könne, einen größeren Wagen zum Institut. Dort nahm der Fahrer Horkheimers Schriften in Empfang, ein kleines Päckchen, das gut und gern in jeder Aktentasche Platz gefunden hätte.

So viel zur Differenz von Werk und Wirkung. Horkheimer hat nie die Publizität von Adorno oder von Marcuse gefunden. Ob er sie je gesucht hat, läßt sich nicht entscheiden. Horkheimer hat im Hintergrund gewirkt, und eben vor allem: im Exil. Seine entscheidenden Arbeiten sind in der Zeit des amerikanischen Exils entstanden. Allein seiner Weitsicht verdankt das Institut, und damit eine Reihe seiner Mitarbeiter, das Überleben. 1930 wurde Horkheimer zum Ordinarius für Sozialphilosophie und zum Direktor des Instituts für Sozialforschung ernannt. Er erkannte die Zeichen der Zeit und gründete schon 1931 eine Zweigstelle des Instituts in Genf. Unmittelbar nach der Machtübernahme der Nazis floh er in die Schweiz, und 1934, zusammen mit Löwenthal, Marcuse, Fromm, Pollock, nach Amerika. Dort sind die programmatischen Aufsätze entstanden: „Traditionelle und kritische Theorie“, „Zum Problem der Wahrheit“, „Egoismus und Freiheitsbewegung“, „Montaigne und die Funktion der Skepsis“, die folgenreichen Bücher „Zur Kritik der instrumenteilen Vernunft“ und, gemeinsam mit Adorno verfaßt, die „Dialektik der Aufklärung“, alles fast unter Ausschluß der Öffentlichkeit publiziert.

1949 kehrte Horkheimer zusammen mit Friedrich Pollock und Adorno nach Frankfurt am Main zurück und baute das Institut neu auf. 1959 wurde er emeritiert. Als die Kritische Theorie in den sechziger Jahren über den universitären Bereich hinaus öffentliche Aufmerksamkeit fand, die Namen Adornos und Marcuses schließlich weltbekannt geworden waren, lebte Horkheimer zurückgezogen in der Schweiz.

„Wenn die Philosophie ihr Grau in Grau mahlt“, schrieb Hegel am Ende seiner Vorrede zur Rechtsphilosophie, „dann ist eine Gestalt des Lebens alt geworden, und mit Grau in Grau läßt sie sich nicht verjüngen, sondern nur erkennen; die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug.“

Dieser Gedanke, der die Marxsche Einsicht bereits vorwegnimmt, daß erst aus der Anatomie des Menschen die des Affen zu erklären sei, gilt erst recht für eine Theorie, die sich ausdrücklich als historische begriffen hat: die von Horkheimer begründete Kritische Theorie der Gesellschaft.

Erkennen, aber nicht verjüngen. Keiner wußte das besser als Horkheimer. Darum hat er sich so lange und so entschieden gegen die Wiederveröffentlichung seiner frühen programmatischen Aufsätze gesperrt. Erst 1967, unter dem Druck zunehmender Raubdrucke, gab er seine Zustimmung, diese Schriften wieder zu publizieren, und zwar als Dokumentation. „Wenn die alten Texte heute gelten sollen, hat die Erfahrung der letzten zwei Jahrzehnte mitzusprechen“ – schrieb er damals an den Fischer Verlag. Er distanzierte sich von der Hoffnung, „daß die Realität mit Notwendigkeit, wenn nicht unmittelbar das Gute, doch die Kräfte erzeuge, die es verwirklichen können“ und bezweifelte unterdessen, „daß der furchtbare Geschichtsverlauf das Endziel“, eine freie Gesellschaft, „nicht vereitle, sondern auf es hinarbeite“.