Von Ernst Klee

An der Stadtgrenze von Frankfurt und Offenbach hausen, hinter mannshohem Gestrüpp verborgen, etwa 70 Menschen. Ihre Adresse: Am Kaiserleikreisel 52. Sie wohnen in Holzhütten, ausgedienten Wohnwagen und Autowracks. Manchmal ist es auch nur ein Erdloch oder ein Lager auf dem nackten Boden.

Seit 15 Jahren kampieren hier zwischen Brombeerhecken und Strauchwerk Menschen ohne Unterkunft, meist ohne Arbeit, ohne Geld, Gelegenheitsarbeiter, Rentner und Sozialhilfeempfänger. Sie haben kein Wasser, keine Elektrizität. Die Stadt hat lediglich einen Müllcontainer hingestellt.

Der Februar hat die tiefsten Temperaturen dieses Winters gebracht. Am letzten Donnerstag des Monats bin ich draußen. Sozialarbeiter der Diakonie haben Alarm geschlagen: Auf dem Offenbacher Teil des Geländes sind Bagger aufgefahren und ebnen alles ein. Einige Unterkünfte sind bereits niedergemacht. Drei Hütten, die am nächsten Tag weggeräumt werden sollen, stehen noch.

Zwei Männer, denen die Galgenfrist eingeräumt wurde, versuchen hundert Meter weiter im nicht gerodeten Gehölz eine neue Unterkunft zu zimmern, mit Bettgestellen, Latten und dem dünnen Holz von Gemüse- und Obstkisten. Ausgemusterte Aktenordner sollen gegen Wind und Kälte schützen. Es ist bitter kalt, der Boden steinhart geboren. Am nächsten Tag wird die Lokalzeitung von einem Mann berichten, dem die Beine bis zum Knie amputiert werden müssen – er hatte bei minus 20 Grad im Freien übernachtet.

Ich rufe die Firma an, die das Gelände von der Stadt Offenbach erworben hat: Raab Karcher, eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung, die mit Fliesen und Heizungsmaterialien handelt. Ich möchte wissen, warum man mitten in der schärfsten Frostperiode Menschen ins Nichts planiert. Doch einem Herrn, der sich mit dem Namen Vater vorstellt, ist das Thema „zu doof“.

„Aber die Leute können doch erfrieren“, versuche ich dem Mann, dessen Firma mit Heizungsbedarf Umsatz macht, die Situation’nahezubringen. Das läßt ihn kalt: „Schreiben Sie, was Sie wollen“, sagt er, ehe er den Telephonhörer auf die Gabel knallt.