Von Norbert Grob

Das Kino sei "unvermittelter Ausdruck der Wirklichkeit und des Wesens der Dinge", meinte ein großer deutscher Philosoph des 19. Jahrhunderts, lange vor Lumière und Méliès. Es gewähre uns keine Einsichten und Erkenntnisse, aber es befreie uns, während es flimmert, von Raum, Zeit, Kausalität und allen endlichen Bedürfnissen. Hollywood hat diese musikalische Neigung des Kinos auf die Spitze getrieben: Absehen von Einsichten und Erkenntnissen und dagegen den eigenen Raum, die eigene Zeit, die eigene Kausalität setzen, absehen vom Zustand der Welt und dafür den Film zur eigenen Welt erheben – so hat Hollywood die Welt fasziniert. Jenseits der Lust an Gedanken und Ideen dominiert hier die Lust an Geschichten und Idolen: an Erlebnissen und Erfahrungen von Helden, die – zu Schicksalen geronnen – das Publikum völlig in den Bann ziehen. Sydney Pollack steht, wie nur wenige US-Regisseure seiner Generation, in der Tradition des klassischen Hollywood. Seine Filme funktionieren nach der Devise: Eine gute Geschichte mit bekannten Stars so musikalisch wie möglich erzählen; nicht den Standpunkten trauen, sondern den Gefühlen! Pollack selbst sieht sich als "Traditionalist". Die Filme, die ihn beeinflußt hätten, sagt er, seien die Filme, mit denen er aufgewachsen sei: Filme von William Wyler, Elia Kazan, George Stevens. Ihn habe geprägt, wie sehr es in diesen Filmen immer nur um einzelne Figuren und um ihre Träume gegangen sei.

Sydney Pollack ist 1934 in Lafayette, Indiana, geboren. In South Bend wächst er auf, sein Vater führt dort eine kleine Apotheke. Mit 17 geht er nach New York, wo er zwischen 1952 und 1954 an Sanford Meisners Schauspielschule studiert. Bis 1960 bleibt er dann an der Schule: als Meisners Assistent. Noch während er unterrichtet, debütiert Pollack als Schauspieler am Broadway. 1961 geht er nach Hollywood als "dialogue coach" für John Frankenheimers "The Young Savages". Wobei er Burt Lancaster kennenlernt, der seine Karriere unterstützt. Ein Jahr danach spielt er in Denis Sanders’ "War Hunt" eine kleine Rolle. Dabei begegnet er erstmals Robert Redford, seinem späteren Superstar. Zwischen 1962 und 1965 arbeitet Pollack als Regisseur beim Fernsehen.

1965 dreht er auch seine ersten Spielfilme: "The Slender Thread" (mit Sidney Poitier und Anne Bancroft) und "This Property is Condemned" (mit Natalie Wood und Robert Redford). In diesen Tagen kommt sein bislang letzter, sein 14. Film in die Kinos: "Out of Africa/Jenseits von Afrika".

Pollacks Filme erzählen von Abenteuern, die in ihrem Mittelpunkt das Wagnis der Veränderung haben: äußerlich wie innerlich. Oft glauben seine Helden, die Welt zu erobern, wo sie gerade erst dabei sind, sich selbst zu erobern.

Immer geht es um Bewegung – aus Verhärtung und Gewohnheit: um Entdeckung von neuen, noch unberührten Ländern ("Jeremiah Johnson", "Out of Africa") oder von neuen, noch ungewohnten Rollen ("Tootsie"). Um Konfrontation zwischen Klassen ("This Property is Condemned"), zwischen Rassen ("The Scalphunters") oder zwischen unterschiedlichen Kulturen ("The Yakuza"). Um Verfolgung – politische ("Three Days of the Condor") oder polizeiliche ("Absence of Malice"), Und um Auflösung der eigenen Identität ("They Shoot Horses, Don’t They?") oder des allzu eingefahrenen Alltags ("Bobby Deerfield").

Thematisch ist das wichtigste Motiv, das sich durch Pollacks Filme zieht, das Motiv des Aufbruchs und der Bewährung.