Von Günter Haaf

Es war eine denkwürdige Premiere im All. Zum erstenmal durchflog am Donnerstag vergangener Woche, am 6. März um 8.20 Uhr Mitteleuropäischer Zeit, eine Raumsonde von der Erde die sichtbare Atmosphäre des Kometen Halley. Aus nur siebeneinhalbtausend Kilometern Entfernung nahm die Fernsehkamera des Spähers Bilder des aus Gas und Staub bestehenden Kometenkopfes (die "Koma") und dann sogar des harten Kerns von Halley auf – einem offenbar nur vier bis fünf Kilometer großen Brocken aus Eis und Staub. Von dessen genauer Zusammensetzung erhoffen sich die Astronomen Aufschlüsse über die Entstehung des Sonnensystems vor mehr als viereinhalb Milliarden Jahren.

"Das ist ein Triumph", rief der amerikanische Nestor der Kometenforschung, Fred Whipple, als er die ersten vom Computer aufbereiteten Bilder sah. Und sein sowjetischer Kollege Roald Sagdejew schwärmte: "Wie durch ein Vergrößerungsglas haben wir den Kopf des Kometen gesehen."

Bundesdeutsche Fernsehzuschauer, die an jenem Donnerstag abend um 19 Uhr die ZDF-Nachrichtensendung "Heute" einschalteten, sahen und erfuhren freilich nichts von der Premiere: Für die Mainzer Redakteure lag der Empfangsort der Bilder offenbar im falschen Land – in der Sowjetunion, im Moskauer Institut für kosmische Studien. Dort hatten sich nicht nur die sowjetischen Kollegen des Institutsleiters Sagdejew eingefunden, sondern auch Kometenforscher aus Ost- und Westeuropa sowie aus den Vereinigten Staaten. Denn die Ergebnisse und Bilder der sowjetischen Raumsonde Vega-1 sind der erste Erfolg der bislang größten – und vorbildlich reibungslos laufenden – internationalen Kooperation in der Weltraumfor- – schung (der Name "VeGa" ist eine Abkürzung aus "Venera", Venus, wo die Sonde beim Vorbeiflug eine Landekapsel abgesetzt hatte, und "Gallei"‚ der russischen Schreibweise von Halley).

Der Triumph von Vega-1, nach mehr als vierzehnmonatigem Anflug am Planeten Venus vorbei und mit einer Geschwindigkeit von über 285 000 Kilometer pro Stunde exakt auf der geplanten Bahn durch den Kopf des berühmtesten aller Kometen zu fliegen, war der Auftakt zur "größten Woche der Kometenwissenschaft", wie sich der amerikanische Experte John Brandt ausdrückte.

Nach Vega-1 schoß am Samstag um 12.01 Uhr die japanische Sonde Suisei ("Komet") in der sicheren, aber mit den anderen Kometensonden wohlabgestimmten Entfernung von 150 000 Kilometer von Halley vorbei. Am Sonntagmorgen, ebenfalls um 8.20 Uhr, wiederholte Vega-2 das Kunststück ihrer Schwestersonde. Am Dienstag durcheilte dann Japans zweiter Späher Sakigake ("Erstläufer"; er war vor Suisei gestartet) im weiten Abstand von sieben Millionen Kilometer gegen halb vier Uhr früh die dünne, aus Wasserstoffgas bestehende "Korona" Halleys.

Höhepunkt der Kometenwoche wird freilich die Nacht vom Donnerstag auf Freitag (13. auf 14. März) sein: Zwei Minuten nach ein Uhr am Freitagmorgen wird Europas Raumsonde Giotto in wahrscheinlich nur 500 Kilometer Abstand am Kern des Kometen vorbeirasen. Die Entscheidung, wie dicht Giotto an den Kern herankommen soll, wird Roger Bonnett, Direktor für die wissenschaftlichen Programme der Europäischen Weltraumorganisation (ESA), erst nach der Auswertung der Daten von Vega-1 und -2 treffen. Denn die vorausfliegenden sowjetischen Späher erfüllten nicht nur ihre jeweils 15 verschiedenen experimentellen Aufgaben, sie fungierten auch als "Pfadfinder" für Giotto. Selbst mit den besten Teleskopen kann nämlich von der Erde aus die Bahn des Kometenkerns auf höchstens 300 Kilometer genau bestimmt werden – und das ist zu ungenau für die ESA-Sonde (die ZEIT berichtete zuletzt in Nr. 1/1986 über den Halleyschen Kometen).