Von Lothar Schöne

Als ich sie von Tel Aviv aus anrufe und ihr sage, daß ich sie in Jerusalem besuchen möchte, antwortet sie ohne Umschweife: „Sie müssen vom Busbahnhof zum Jehuda-Markt fahren, von dort sind es nur noch wenige Minuten zu Fuß.“

Ein Nobelviertel ist dieses Nachlaoth sicher nicht. Hier lebt Lea Fleischmann. Ihr Buch „Dies ist nicht mein Land. Eine Jüdin verläßt die Bundesrepublik“ machte sie 1979 bekannt. Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Fleiß attestiert Lea Fleischmann den Deutschen, aber zugleich seien sie ängstlich, autoritätsgläubig, angepaßt. Im Krisenfall, schrieb sie, werden sie sofort wieder nach dem starken Mann rufen. Lea Fleischmann wollte nicht mehr. Sie wanderte nach Israel aus.

„Fleischmann“ steht an der Tür, in hebräischer und lateinischer Schrift. Sie kommt uns mit Schürze entgegen, kocht gerade, wir sollen gleich mitessen. Ich habe ihr neues Buch dabei, „Nichts ist so, wie es uns scheint“, jüdische Geschichten von Lea Fleischmann, mit Aquarellen von Dudu Barnis, ihrem Lebensgefährten. Sie nimmt es sofort neugierig in die Hand, blättert darin. Sie erwarte das Buch schon seit Wochen, und nun sei es plötzlich da. Sie sieht das Buch an, dann mich, als sei ich der unglaubliche Autor. Dudu Barnis gibt sich später seiner Freude ungehemmt hin. Er will den Band gar nicht mehr aus der Hand geben, lehnt sich genießerisch zurück, zeigt uns, wie toll die Farben herausgekommen seien, wiegt das Buch in den Händen.

„Haben Sie hier eine Heimat gefunden?“ frage ich sie, als wir am Tisch sitzen. Ohne Dudu, antwortet sie und nimmt sich ein Stück vom Granatapfel, wäre sie nicht nach Nachloath gezogen. Eine ganz neue Welt war das für sie nach 32 Jahren Bundesrepublik. In Deutschland habe sie das Spießertum gehaßt, vor allem die Putzsucht der Hausfrauen. Kaum aber war sie eingezogen, versuchte sie ihre Mitbewohner zu überzeugen, daß Putzen doch etwas ganz Schönes sei.

Das Problem in Israel sei, erzählt sie, daß man selbst seinen Weg finden muß. Die Behörden haben kein großes Interesse, die Bürokratie sei „durcheinander“, Beamte nicht loyal, sie gäben einem sogar Tips, wie man die Vorschriften umgehen könne. Als sie für eine Aushilfsarbeit die Steuer bezahlen wollte, habe der Beamte sie fassungslos angestarrt und ihr dann genau erklärt, wie dies zu umgehen sei. In Deutschland dagegen funktionierte die Bürokratie zu gut; die Dienstvorschrift geht den Beamten über alles. Da kann ein Mensch im Winter erfrieren, der Busfahrer läßt ihn nicht in seinen Bus, wenn das gegen die Dienstvorschrift verstößt. Lea Fleischmann erzählt von Deutschland wie von einem früheren Leben. „Ich wollte keine Minderheit mehr sein“, sagt sie plötzlich, „ich habe mich nicht deutsch gefühlt. Ich wußte auch immer, daß die Krankheit meiner Eltern etwas mit Deutschland zu tun hatte.“ Und in der Schule, als Berufsschullehrerin, habe sie die Frustration der Schüler täglich gesehen, den Ausländerhaß gespürt, die Kälte. „Und doch“, seufzt sie, „habe ich soviel Deutsches hierher mitgebracht.“

Der Intoleranz zwischen den Ashkenasim und den Sephardim (den europäischen und orientalischen Juden) in Israel ist sie sich vollkommen bewußt. Das Land könne nur gesunden, wenn die Sephardim, die mittlerweile schon 60 Prozent der Bevölkerung stellen, aber in den Führungspositionen unterrepräsentiert sind, gestärkt werden. Es gibt auch nur ashkenasische Künstler in Israel, die zählen, sagt Lea Fleischmann bitter.

„Die Sepharden“, schaltet sich Dudu Barnis ein, „denken mehr mit dem Herzen als mit dem Verstand. Sie sind auch nicht so kleinlich wie die Ashkenasim.“ Dudu selbst ist Sepharde, in Marokko geboren, in Israel aufgewachsen, viele Jahre hat er in Paris und Zürich gelebt. Er kennt beide Mentalitäten, die europäische und die orientalische, und während Lea Fleischmann sagt: „Die Europäer sind Fremdkörper in Israel“, fügt er, der Sepharde, hinzu: „Wir verstehen uns heute tausendmal besser als vor 15 Jahren.“ Und: „Israel muß orientalischer werden, wenn es eine Annäherung an die Araber geben soll.“

Was Lea Fleischmann von den Arabern gelernt hat: „Sie haben Zeit. Die Zeit verändert, man lernt warten und Geduld haben.“ Nach einer Weile fügt sie hinzu: „Die Araber werden Israel anerkennen. Wir sind uns ähnlich.“

Mir fällt ein, daß ich noch photographieren will, und wir steigen auf das Dach hinauf. Die Sonne ist schon matt, ein wenig kühl ist es geworden; im Hintergrund ist die Knesseth zu sehen, das israelische Parlament, unter uns ein Häuser- und Antennengewirr. Ruhig ist es hier, unglaublich ruhig für eine Stadt, in der fast wöchentlich geschossen wird, eine Stadt, die wie zum Hohn „Die Friedliche“ heißt. „Dort!“ zeigt Dudu, „ist der Ölberg.“

Als wir hinuntergehen, sagt Lea Fleischmann: „In Jerusalem spielt die Religion eine so große Rolle. Ich selbst bin hier religiös geworden.“ Ihr neues Buch erzählt viel von Menschen, die in der Tradition und Religion leben oder sie hinter sich gelassen haben. Sie habe ja jeden Rahmen gesprengt, erklärt die Autorin: alles abgelegt, die Familie, den Beruf, die Religion, das Land. Aber inzwischen habe sie erkannt, daß für viele Menschen die Tradition eine Stütze sei; in der westlichen Kultur gebe es nur Auflösungserscheinungen, Familie und Religion sind dort schon auseinandergebrochen. „Diese absolute Individualisierung ist schädlich, führt zu Depressionen.“ Hier in Jerusalem wie im Orient überhaupt sei vieles noch intakt, die Bande innerhalb der Familie seien viel stärker, Bibelkunde sei selbstverständlich ein Hauptfach in der Schule, es gebe ein tiefes Gefühl zu Gott.

Erst jetzt kommt Lea Fleischmanns wichtigste Antwort: „Die Suche nach Identität ist die Suche nach Heimat“, sagt sie zögernd, „die Sehnsucht nach etwas Heilem. Ich glaube, im Judentum habe ich das gefunden.“