Wie versöhnt man die Poesie mit Beschlußlage und Grundsatzprogramm? 13 Jahre ist es her, daß die deutschen Dichter sich dazu entschlossen, Gewerkschafter zu werden: Der Schriftstellerverband (VS) wurde Teil der IG Druck und Papier. Zum Treffen des VS an diesem Wochenende in Berlin berichtet der Schriftsteller Yaak Karsunke von seinen Erfahrungen als Sandkorn in einem großen Getriebe.

A m 20. Januar 1973 beschloß der Verband deutscher Schriftsteller (VS) auf einem Kongreß in Hamburg mit 275 von 303 abgegebenen Stimmen, „den VS in die IG Druck und Papier zu überführen“. Die Stimmung war euphorisch, man sah Augen leuchten, die sonst nur bürokratisch blinzeln (oder blitzen); DKP-Mitglieder umarmten sich begeistert, Sozialdemokraten drückten einander bewegt die Hände, und die Süddeutsche Zeitung überschrieb ihren Bericht mit „Für Dichter und Denker ein Pakt mit den Druckern“.

Dreizehn Jahre und sieben Tage nach diesem historischen Zusammenschluß von Künstlern, und Arbeiterklasse bekomme ich Post von meiner Gewerkschaft. Die Bundesgeschäftsstelle des VS läßt mich wissen, im Rahmen der DGB-Kampagne gegen die Pläne zur Änderung des § 116 Arbeitsförderungsgesetz solle in drei großen Blättern eine von Künstlern unterschriebene Erklärung als Anzeige aufgegeben werden: „In der Anlage finden Sie den Text dieses Appells, für den wir auch aus dem Bereich der Literatur möglichst viele Unterschriften und gerade auch ‚die berühmten‘ suchen.“ (Das mit den „berühmten“ wird in den folgenden Wochen für einigen Ärger bei all den Kollegen sorgen, die von der Zentrale nicht angeschrieben worden sind – die Angeschriebenen hingegen zerbrechen sich die Köpfe, wer diesen Appell wohl verfaßt haben mag, eine Sprachanalyse läßt als Urheber eigentlich nur eine Resolutions-Maschine denkbar erscheinen.) Da Anzeigen bekanntlich „viel Geld“ kosten, ist auch ein Konto angegeben, mit Bankleitzahl und „Stichwort: § 116 AFG“.

Kein Gedanke daran, etwa an die Phantasie und Kreativität der Mitglieder zu appellieren – könnte man gegen die Gefährdung des Streikrechts nicht auch mit künstlerischen Mitteln angehen? Statt dessen begreift und benutzt auch die eigene Organisation den Schriftsteller lediglich als Unterschrift-Steller, zusätzliche Solidarität kann per Uberweisung ausgedrückt werden. Wie heißt es in der VS-Geschäftsordnung von 1973 so schön: „Der VS hat den Zweck, die kulturellen, rechtlichen, beruflichen und sozialen Interessen seiner Mitglieder in Übereinstimmung mit der Satzung der IG Druck und Papier und den Zielen des Deutschen Gewerkschaftsbundes zu fördern und zu vertreten sowie die internationalen Beziehungen der Schriftsteller zu pflegen.“

Um mit dem Ende anzufangen: Die internationale Beziehungspflege hat dem VS diverse Friedens-Kongresse samt zugehörigen Verbandskrisen (sowie Bernt Engelmann den Heinrich-Heine-Preis der DDR) eingetragen. Die Ziele des DGB haben wir zunehmend weniger den Grundsatzprogrammen als dem ungehemmten gewerkschaftlichen Engagement für die Startbahn West, den Rhein-Main-Donau-Kanal, den Ausbau der Kernenergie oder die Inbetriebnahme der Dreckschleuder Buschhaus ablesen können (von den Vorgängen um die Neue Heimat gar nicht erst zu schreiben). War unser Gewerkschaftsbeitritt auch der Ausdruck eines neu erwachten gesellschaftskritischen Interesses (als Reflex auf die kulturrevolutionären Impulse der Studentenbewegung), so finden wir uns heute als die Mitglieder einer Großorganisation wieder, die immer noch allen neuen Sozialbewegungen mißtrauisch bis feindlich gegenübersteht. Und ein Janßen bei den Grünen macht da noch keinen Sommer.

Die rechtlichen, beruflichen und sozialen Interessen der VS-Mitglieder vertritt die Gewerkschaft wahrscheinlich nicht schlechter, aber auch kaum wirkungsvoller als die der übrigen Arbeitnehmer. Dem Kulturabbau in Funk und Fernsehen zum Beispiel steht die Organisation ebenso hilflos gegenüber wie den Rationalisierungsfolgen der elektronischen Revolution in anderen Industrien; empörte Deklamationen ersetzen keine effizienten Strategien, über die die Gewerkschaften offensichtlich nicht verfügen. Verbleiben die kulturellen Interessen.

Auf einer DGB-Arbeitstagung zur gewerkschaftlichen Bildung habe ich, im Juni 1984, einen Gedichtanfang notiert: „könntest du das: ein gedieht / in einem gewerkschaftshaus schreiben / & und dich dabei / an die beschlußlage halten?“ Das Gedicht ist bis heute nicht fertig geworden, unter anderem deshalb, weil die Beschlußlage so aussehen kann: „Gewerkschaftliche Kulturarbeit hat informativ und aufklärend zu wirken, sie hat die Aufgabe, Probleme und Konflikte aus der Arbeitswelt mit künstlerischen Mitteln darzustellen. Gewerkschaftliche Kulturarbeit ist den politischen Zielen untergeordnet und nach Bedarf mit für die Verwirklichung dieser Ziele einzusetzen.“ Beschlossen und verkündet auf der IG Metall-Jugendkonferenz in Augsburg 1977.