Von weitem sieht es aus, als trüge der grüne Hügel über dem Rottal eine Haube – nicht von Gold wie die Rottaler Trachtenmädchen, sondern von roten Dachziegeln: Das ist Bad Griesbach, das ausgegliederte, aus dem Boden gestampfte Kurviertel der Stadt Griesbach, mit Thermen, Kursaal, Kliniken, Kurparks und Elektrobus („Wastl“). Es liegt dort, wo es vor 15 Jahren nur Wiesen und Maisfelder gab.

Die Geschichte des Bads klingt wie ein modernes Märchen: Eine Fee hebt über der Hügelkuppe im niederbayerischen Alpenvorland den Zauberstab, als wolle sie wiederholen, was zuvor bereits im benachbarten Füssing gelang. Und zwischen Weiden und Wäldersäumen mit erfreulichen Ausblicken auf das sanfte Hügelland pellt sich eine ausnahmslos dem Heil und der Rehabilitation gewidmete Gemeinde aus den Schalen des Zaubereis. Denn da ist nichts Störendes, nicht die geringste Beeinträchtigung der Badekur, nicht Straßenverkehr, Traktorenrattern oder Milchkannenklappern. Da ist nur ländliches Behagen in zweckdienlicher Bauweise mit Satteldächern und geputztem Mauerwerk, Holzbalkonen und Arkaden.

Griesbachs Märchen begann mit privaten Quellenbohrungen im Tal der Rott. Die Thermen der Nachbargemeinde Füssing und der Mineralwassergeschmack einiger lokaler Brunnen berechtigten zu Hoffnungen. 1972 und 1973 wurde man in Tiefen zwischen 400 und 1600 Metern dreimal fündig. Temperaturen (30, 35 und 60 Grad) und Heilwasser-Analyse (Natrium-Hydrogencarbonat-Chlorid) bestimmten, noch ehe vor den Toren der Stadt der erste Spatenstich getan wurde, das Schicksal des Kurviertels als Dreiquellenbad mit Indikationen bei rheumatischen, degenerativen Erkrankungen, Wirbelsäulenleiden sowie Nachbehandlung von Bandscheibenoperationen.

Der Orthopäde Thomas Laser entwickelte in der Rehabilitationsklinik „Passauer Wolf“ ein aufsehenerregendes Heilverfahren für Wirbelsäulenoperierte, eine höchst wirksame Kombination von Gymnastik, Massagen und Thermalbewegungsbädem – das „Griesbacher Modell“. Bürgermeisterstellvertreter Josef Braun bezeugt die Erfolge nicht nur, er hat sie als Amateurfilmer auf acht Millimeter dokumentiert. Braun: „Die Behandlung soll im Idealfall vier bis fünf Tage nach der Operation einsetzen. Schon nach vier Wochen joggen die Patienten im Wald.“

Die Karriere des Kurorts, die einem Märchen ähnelt, blieb ihrer Dynamik treu. 1969 wurde die Gemeinde als Erholungsort, 1973 als Luftkurort (mit immerhin 40 000 Übernachtungen) anerkannt, im Jahr darauf der Bebauungsplan für den Hügel nördlich des Dorfs Schwaim akzeptiert. Von nun an ging es mit Riesenschritten weiter: 1977 Einweihung des neuen Kurgebiets (72 000 Übernachtungen), 1979 Anerkennung als beihilfefähiger Heilquellenkurbetrieb (163 000 Übernachtungen).

Derzeit gibt es zwei Griesbachs: die Stadt Griesbach mit über 4000 Einwohnern und Bad Griesbach mit 3000 Gästebetten (1985: 600 000 Übernachtungen). Es gibt fünf sehr beliebte Kurhotels (Belegung 90 Prozent) mit direktem Anschluß an die nennen, ein Kurmittelhaus gleich einer überdachten Freizeitlandschaft, eine eigene Kirche, zwei Kurparks, 100 Kilometer markierte Wanderwege, Tennisplätze, Asphaltstockbahnen. Das Prädikat „Bad“ wurde Anfang des Jahres erteilt und gilt zunächst nur für das Kurviertel, soll nach dem Willen der Stadtväter in naher Zukunft auch die Stadt einbeziehen.

In Griesbach klingt Zukunftsmusik so selbstverständlich wie ein Lied vom Zupfgeigenhansl („Wer große Wunder schauen will, der gang in grünen Wald“). Der Kurort ist ja nicht durch Zauberei entstanden, sondern als Folge einer Investition von 250 Millionen Mark (davon 70 Millionen aus öffentlicher Hand). Bürgermeister Edmund Mitzam überschaut das Baumodell des Kurviertels wie ein Feldherr. Gebautes und Geplantes sind an Farbschattierungen erkennbar. In fünf Jahren wird das Bad vollendet sein.