Robert Kennedys ältester Sohn Joe will in die Fußstapfen von Vater und Onkel treten

Von Barbara Ungeheuer

Boston, im März

Ich bin Joe Kennedy. Danke, daß Sie gekommen sind." Als der damals 15jährige mit diesen Worten die Hände der Trauernden schüttelte, die seinem Vater Robert im Juni 1968 das letzte Geleit gaben, soll Mutter Ethel entzückt ausgerufen haben: "He has got it." – "Er hat das gewisse Etwas." Gemeint war das Talent, das die Kennedys auch in der nächsten Generation zur politischen Führerschaft prädestinieren würde. Jetzt, nach dem (endgültigen?) Verzicht seines Onkels Edward (Teddy) auf präsidiale Ambitionen, will Joe beweisen, daß er das Zeug zu höheren politischen Aufgaben hat. Der älteste Sohn Robert Kennedys bewirbt sich in Massachusetts um einen Sitz im Repräsentantenhaus.

Joseph Patrick Kennedy II, Erbe nicht nur des dynastischen Namens, sondern auch der Kennedy-Physiognomie, steht am Rednerpult in der traditionellen Polit-Kneipe der Demokraten in Cambridge bei Boston. "Ich bin Joe Kennedy und würde den achten Wahlbezirk gerne in Washington vertreten." Sein Angebot verleitet keines der etwa zweihundert anwesenden Mitglieder des demokratischen Komitees zu Zeichen der Huldigung. Haben die Kennedys, selbst in und um Boston herum, ihre politische Ausstrahlungskraft eingebüßt? Schwarze Frauen, Männer irischer und italienischer Herkunft, Harvard-Professoren und Studenten an der technischen Hochschule MIT betrachten den 33jährigen Mann genauso gelassen wie die anderen zwölf Kandidaten, die für die Wahl im Herbst in diesem Stimmbezirk aufgestellt werden möchten.

Eine Heldensage

Auf dem Podium präsentiert sich der amerikanische Schmelztiegel in Reinkultur. Dort ist das ganze politische Spektrum vertreten, das diesen Bezirk als den liberalsten der Vereinigten Staaten berühmt und berüchtigt gemacht hat: ein Politiker armenischer Abstammung, der Reagans Beschneidung der Sozialprogramme attackiert, folgt auf den Aktivisten für die Rechte der Homosexuellen; ein Vietnam-Veteran und Peacenik, der den Ausverkauf amerikanischer Holdings und Aktien in Südafrika verlangt, spricht vor dem Lobbyisten für das Referendum, das Cambridge vor kurzem zur "offenen Stadt" für alle Nicaragua-Flüchtlinge erklärte.