Auch das ist Kultur an der Kuhn Porträt des Theaterpathologischen Instituts TPI

Von Frank Busch

Jetzt noch die Gedärme“, flüstert jemand hinter mir. Der Triebmörder auf der Bühne wirft das Gekröse über die Leiber der Frauen, zündet die Kerzen an und betet. „Ach war ich doch wie du – ein Schwein!“ Sein letzter Wunsch und Schluß.

„Hier fliegen gleich die Löcher aus dem Käse“, die Bühne ist dunkel, hinten geht sie los, die Polonaise, doch nicht von Blankenese bis hinter Wuppertal, sondern nur eine Bühnenbreite weit. Ein Anfang, und dann sind die Lustigbunten wieder verschwunden.

Zwei Abende des Theaterpathologischen Instituts mit dem Hauptdarsteller Joe Bausch. Er spielt den Triebmörder, der gern ein Schwein sein wollte. Er spielt einen, der die Sau nicht rauslassen kann. Die Lustigbunten sind Gestalten aus seiner Erinnerung, sie stellen sich auf und machen ihm Vorwürfe: „Du hast es doch im Leben zu nichts gebracht“, sagt der Vater; „du hast nie mit mir geredet“, klagt die Freundin. Hinzu kommen die Mutter, die Frau, der Großvater. Da stehen sie mit ihrem unerfüllten Verlangen. Joe Bausch geht zu jedem, drückt einen imaginären Knopf auf ihrem Rücken, und sie leiern Liebesbeweise wie Automaten: „Ich bin stolz auf dich“, lobt der Vater; „fick mich“, lockt die Freundin; „du bist mein lieber Junge“, schmeichelt die Mutter. Doch der Mechanismus hat seine eigene Gesetzmäßigkeit: Kaum hat der Schauspieler die Runde beendet, fangen die Vorwürfe von vorn an, immer kürzer wird die Spanne zwischen Befriedigung und neuen Ansprüchen, immer schneller dreht sich Joe Bausch im Kreis.

Das Stück handelt von einem Weggegangenen, wie es im Personenverzeichnis heißt. Autor des Stückes ist ein Schauspieler, der selber aus dem etablierten Theaterbetrieb ausgestiegen ist: Roland Reber. Wenn er jetzt eine Gruppe von elf Leuten ohne geregelte Arbeitszeit, ohne Verträge und fast ohne Bezahlung zusammenhält, so mag das etwas „Besessenes“ haben, wie ehemalige Kollegen sagen. Wenn Reber dies auch noch als „Freiheit der Gruppe“ verklärt, und nicht nur Aussteiger zu den Vorstellungen dieser „freien Gruppe“ pilgern, so mag das etwas von „Scharlatanerie“ haben, wie manche behaupten. Wenn aber ein amtierender Ministerpräsident und designierter Kanzlerkandidat sich für diese Gruppe begeistert und einsetzt, so steckt dahinter ein Genie – oder der Wahlkampf.

Wie hat er das geschafft? Roland Reber gibt sich wie der Igel, der weiß, wo der Hase läuft: Er hat unter der Regie von Werner Schroeter gespielt, er kennt Hannelore Hoger; er hat von Lee Strasberg gelernt, er ist an der Bochumer Schauspielschule ausgebildet worden; er hat in Zürich und Hamburg inszeniert, er hat in Berlin einen Film gemacht – so erzählt er. Zu sehen ist er in Lünen, einem Ort mit 88 000 Einwohnern am nordöstlichen Rand des Ruhrgebiets. Mit seinem Theaterpathologischen Institut tritt er an jenen Abenden auf, an denen keine Tourneebühne im Theater der Stadt gastiert.