Von Dieter Buhl

Wegen der schlagzeilenträchtigen Gebrechen der Bonner Regierung hat das Befinden der größten Oppositionspartei in letzter Zeit kaum Aufmerksamkeit gefunden. Wenn es um Fehlleistungen und Skandale ging, konnte die SPD mit den Koalitionsparteien einfach nicht konkurrieren. Ihre Wahlerfolge und deren Schlappen verfestigten zudem den Eindruck von einer Sozialdemokratie, die mit sich und den Wählern weitgehend im reinen sei. Soviel Friedfertigkeit im Innern demonstrierten die Genossen, daß manch einer sie schon in fest geschlossenen Reihen auf einen Sieg bei der Bundestagswahl zumarschieren sah.

Nun aber ist es mit der sozialdemokratischen Idylle erst einmal vorbei. Die Blütenträume vom Genossenverein Harmonia zerstörte ausgerechnet der Spitzenkandidat der SPD, dem Eintracht gewöhnlich ein Herzensbedürfnis ist. Mit seiner Standpauke vor der Düsseldorfer Landtagsfraktion hat Johannes Rau denn auch aus doppeltem Grund Aufmerksamkeit erregt. Zum einen traf sie seine Parteifreunde aus heiterem Himmel, eben weil sie sich im selten erlebten Zustand der Übereinstimmung wähnten. Zum anderen überraschte Raus Klartext die Öffentlichkeit, denn sie glaubte bisher, den Hoffnungsträger der Sozialdemokraten als verbindlichen und gutgelaunten Politiker zu kennen.

Das Donnerwetter des Kandidaten lädt deshalb zu Spekulationen ein. Ist Rau zu wetterempfindlich für das rauhe Klima der Bundespolitik? Oder stimmt der Kernpunkt seiner Klage, er werde von seiner Partei in der politischen Arena allein gelassen?

Die von ihm angeprangerten Symptome für mangelnde Unterstützung aus dem eigenen Lager mögen zwar jedes für sich noch keine große Aufregung verdienen. Gebündelt jedoch sind sie nicht nur ein Beweis für unterlassene Hilfeleistung, sie sind nachgerade eine Belastung für den Kanzleramtsanwärter. Das gilt für die Forderung einer linken Parteigruppierung, das Wiedervereinigungsgebot des Grundgesetzes fallen zu lassen, ebenso wie für die Veröffentlichung des angestaubten Wehner-Interviews voller Sottisen über fast sämtliche Spitzengenossen. Verständlicher noch ist die Wut über die Forderung sozialdemokratischer Juristen, das Schutzalter von jungen Menschen gegen sexuellen Mißbrauch herabzusetzen, und das Drängen des Jungsozialistenführers, Rau möge sich endlich dorthin begeben, wo die Konflikte sind, am besten gleich nach Wackersdorf.

Der erboste Kandidat hätte schließlich noch ein anderes Ärgernis anführen können, das ihm seine Überzeugungsarbeit bei den Wählern erschwert. Das ist der Fall Kriele. Der Parteiaustritt des bekannten Kölner Staatsrechtslehrers, gegen den ein parteiinternes Verfahren lief, könnte sich sehr gut als Beleg für sozialdemokratische Intoleranz eignen. Krieles Vorwurf von der "moralisch gebrochenen Logik", die Diktaturen im Westen verteufelt und solche im Osten mit wohlwollendem Schweigen bedeckt, trifft jedenfalls einen wunden Punkt der SPD. Inzwischen ist allerdings die Sandinisten-Verehrung mancher Sozialdemokraten (Krieles Stein des Anstoßes) einer nüchterneren Betrachtungsweise gewichen. Der Fall Kriele wird deshalb nicht als ideologischer Grundsatzstreit, sondern als Gerangel zwischen einer kleinkarierten Basis und einem widerborstigen Intellektuellen in Erinnerung bleiben. Auch das trägt freilich nicht zum Ruhme der SPD bei.

Trotz aller einleuchtenden Gründe wirft Raus Temperamentsausbruch noch weitere Fragen auf. Verglichen mit der Situation vor ein paar Jahren bewegt sich die SPD ja tatsächlich in ruhigerem Fahrwasser. Wo sind heute beispielsweise die sozialdemokratischen Wiedertäufer, die Helmut Schmidt in seinen letzten Regierungsjahren das Leben schwer machten und die die Bandbreite der Partei überstrapazierten? Oskar Lafontaine braucht seine "dissidierenden Energien" zum Regieren, Gerhard Schröder spart sie sich, soweit vorhanden, dafür auf, und Erhard Eppler trägt (zumindest gelegentlich) wieder Schlips. Für innerparteiliche Stürme fehlen somit die kräftigen Generatoren.