Frankreich ist geschockt. Die Stimmung erinnert an die Verwirrung der Amerikaner während des Teheraner Geiseldramas vor fünf Jahren. In den Ministerien jagen sich die Krisensitzungen. Von Stunde zu Stunde vermeldet der Rundfunk das Neueste aus Beirut.

Die Regierung hat es mit Meistern des Nervenkriegs zu tun. Gerade in den letzten Tagen des Wahlkampfs überstürzten sich die Ereignisse: Am vorigen Mittwoch verkündete die schiitische Terrorgruppe Islamischer Dschihad die „Hinrichtung“ des am 22. Mai 1985 entführten Soziologen und Libanon-Kenners Michel Seurat. Ungewiß blieb überdies das Schicksal dreier weiterer französischer Geiseln, die seit bald einem Jahr festgehalten werden. Donnerstag: Führer der Hisbollah – der pro-iranischen „Partei Gottes“ – behaupteten, der 38jährige Seurat sei „immer noch am Leben“. Freitag: Präsident Mitterrand empfing im Elysée die Angehörigen. Samstag: In Beirut wurde eine vierköpfige Drehmannschaft des Fernsehens „Antenne 2“ entführt. Sonntag: Um ein Uhr nachts rief der Premier Laurent Fabius die zuständigen Minister zu einer Krisenberatung; abends wandte er sich an die Franzosen: „Wir werden nicht nachgeben.“ Montag: Der Dschihad veröffentlichte Bilder Seurats in einem Sarg – ist er tot oder war es eine makabre Inszenierung? Überdies dementierte die Gruppe, sie hätte das TV-Team verschleppt und ein Ultimatum gestellt.

Kurz vor der Parlamentswahl wollten die Geiselnehmer die regierenden Sozialisten in Bedrängnis bringen. Indessen übte die Opposition Zurückhaltung, um Menschenleben nicht zu gefährden, und auch in der Überlegung, daß sie bald vielleicht selbst an der Macht ist und mit den Fanatikern ins Gespräch kommen muß. Die Entführer fordern die Freilassung befreundeter Terroristen aus französischen Gefängnissen; vor allem aber geht es um die Demütigung des „Satan“ Frankreich.

Die Lösung der Affäre wird dadurch erschwert, daß sich die Franzosen im Nahen Osten politisch völlig verheddert haben. Ein erster Mißgriff war, daß Mitterrand unnötigerweise dem syrischen Machthaber Assad in Damaskus seine Aufwartung machte – obwohl der Präsident der Republik wußte, daß die Syrer hinter dem Anschlag standen, der 1983 in Beirut 55 französischen Soldaten das Leben kostete.

Nicht minder verhängnisvoll war das Doppelspiel mit dem Irak und dem Iran. Wieder einmal zeigte sich, daß Frankreichs übermächtige Rüstungsindustrie die Diplomatie mitbestimmt. Obgleich Paris seit langem mit Bagdad eng liiert ist, lieferten französische Firmen seit 1982 mit Billigung der Regierung Munition an Teheran. Als kürzlich eine Provinzzeitung die Sache an den Tag brachte, erregten sich die Iraker. Da unterlief der Regierung eine unverzeihliche Panne, die wiederum die Iraner erzürnte: „Aus Versehen“ lieferte die Polizei zwei oppositionelle irakische Schiiten an den Irak aus.

Das brachte nun auch ihre Glaubensbrüder, die Geiselnehmer in Beirut, zur Weißglut: Sie gaben die Ermordung Seurats bekannt. Der Polizeiminister Pierre Joxe soll daraufhin zweimal Mitterrand seinen Rücktritt angeboten haben.

Nun müssen Frankreichs offizielle und offiziöse Unterhändler mit den Irakern, den Syrern, den unzähligen Gruppen im Libanon und nach Möglichkeit auch mit den Iranern palavern. Alle Verhandlungspartner sind erbost. Einem französischen Sonderbotschafter verweigerten die Iraner das Visum. Kürzlich beschoß zum ersten Mal ein iranischer Hubschrauber einen französischen Supertanker. Zu Gesprächen mit libanesischen Politikern entsandte man nach Beirut Frankreichs künftigen Botschafter in Bonn, Serge Boisdevaix.