Von Nike Wagner

Gehen S’ machen S’ keine G’schichten! sagt der Herr Austria gern, wenn er seine Ruhe haben will. Am Stamm- oder Caféhaus-Tisch erzählt er sie dann für sein Leben gern. Sie machen sein Leben erst lebenswert, die in Gustostückeln und Anekdoten und Pointen, in Bosheiten und Wehmütigkeiten verpackten G’schichten aus dem Leben anderer. Gegenwart ist ihm nur als vergangene, im Nachgeschmack genießbar, den Ruf des Lebens hört er lieber im Echo.

Der byzantinisch-galizische Hang zum Geschichtenerzählen hat seine Vorteile: Geschichten stiften Geselligkeit, wirken der Vereinzelung entgegen, und dennoch dürfen die Eigenbrötler ihren inneren Autismus pflegen: Erzählen ist heilen. "Wegerzählen" ließen sich die hysterischen Krankheitssymptome unter der Obhut der ersten psychoanalytischen Ärzte in Wien, und daraus entwickelte sich die Erzähl-Couch Freuds. Erzählen ist auch Theater, living theatre. Der Erfinder der heilpädagogischen Stegreifbühne, später weiterentwickelt zur Gruppentherapie des Psychodramas, war Wiener, kann nur ein Wiener gewesen sein. Redeformen ziehen sich durch die österreichische Literatur von gestern und heute, Ohrenzeugen sind sie alle, sie horchen auf Stimmen, imitieren, protokollieren, monologisieren, "geschriebene Schauspielkunst" ist nur eine Formulierung für den Gestus des Mimetischen, für die Formen des Erlauschens und Erzählens in der Literatur. Nicht das G’schichtenmachen, sondern das G’schichtenerzählen darf als der typisch österreichische Modus der Selbsttherapie und Lebenstechnik gelten.

Was aber mit der Last der Geschichte, läßt die sich in der Lust an Geschichten abbüßen? Täter wie Opfer der jüngeren Geschichte versuchen es: jene wollen nicht an Reminiszenzen erkranken und erzählen einfach etwas anderes, diese erzählen wohl, doch mit der Scham der Leidenden, die die Schrecken ihrer Geschichte lieber in versöhnungswillige Rückblicke oder in unterhaltsame Kleinkunstwerke verwandeln. Friedrich Torberg, der den Untergang des Abendlandes in den Sprüchen und Anekdoten der Tante Jolesch erzählte, hat gewußt, daß hierzu der "seriöse Teil" fehlte. In einer Art verschmitzten Staffettenwechsels gab er diesen undankbaren Auftrag an einen seiner Freunde weiter, an Milan Dubrovic ("Veruntreute Geschichte – Die Wiener Salons und Literatencafes").

Veruntreuen ist ein höflicher Ausdruck für betrügen. Daß die Österreicher sich um die Geschichte ihrer braunen Ära betrügen, um die goldene des k.u.k. Zeitalters um so leuchtender abzufeiern, ist bekannt. Daß Dubrovic hier abhelfen will, ehrt ihn. Ich möchte jedoch weniger sein Buch "besprechen", als es zum Anlaß nehmen, über die grundsätzlicheren Probleme bei der Verwandlung von Geschichte in Gegenwart nachzudenken. Wo und wie könnte Geschichtsvermittlung sich heute placieren, welche Umgangsformen sind ergiebig, gibt es die besondere österreichische Manier?

Geschichte ist geduldig, sie gehorcht dem, der sie aufschreibt. Doch nicht jedes Aufschreiben von Geschichten ist schon Geschichtsschreibung. Den fehlenden Fonds zur Literatur klagte ein Torberg ja ein. Daß Geschichte, andererseits, keine exakte Wissenschaft ist, hat sich herumgesprochen, Chronik, Statistik frieren sie ein, sind die Tiefkühlverfahren mit ästhetischem Minuswert. Historiker ist einer, bemerkte Karl Kraus, der zu schlecht schreibt, um an einem Tagesblatt mitarbeiten zu können. Also: der ideale Geschichtsschreiber wäre eine Kreuzung aus "zu schlecht" und "zu gut", aus Historiker und Dichter, aus dem Mann der Fakten und dem der Phantasie, wäre der Journalist?

Dubrovic, Jahrgang 1903, war immer Journalist und hat ein Leben der Engführung von kulturellen, politischen und publizistischen Ereignissen geführt. Und dennoch gibt’s Schwierigkeiten: Ressentiment gegen die Historiker führt die Feder seiner Erinnerungen, aber er will "objektiv" sein, nimmt sein Ich fast gänzlich zurück. Zu gescheit, um nicht zu wissen, daß immer nur Subjektivität möglich ist, bekennt er sich dazu ebenfalls. Doch die Geschichtenerzähler, Pointen-Raketen, Anekdoten-Profis waren schon da; die Polgars und Molnars, Kuhs, Friedells und Torbergs haben die Welt des Caféhauses und seiner jüdischen "Deigetzer" so ziemlich endgültig in G’schichten umgesetzt.