Von Peter Hays

Vor allem spätnachmittags, wenn die Urlauber zur „Vinothek“ oder anderen geschniegelten Apres-Tränken unterwegs sind, da wird Seefelds Hauptgasse zum verschneiten Laufsteg, über den nonstop eine internationale Pelzmodenschau gleitet. Ein Ort mit derart schicker Fassade tut sich schwer, täglich glaubhaft den naturbelassenen Gebirgsort am Bach zu spielen. Unlängst vermochte man es nicht mal, das Porträt eines einheimischen Originals für die bebilderte Gemeindechronik aufzutreiben. Schließlich wurde ein Bajuware mit photogenem Vollbart als Modell engagiert.

Gar nicht so abwegig ist deshalb jener leise Verdacht, der sich meldet, wenn man mitten im Ort auf den Fiakerfahrer Willy Rastner trifft. Ist er die Leihgabe einer Agentur, die allzu mondän geratene Tiroler Bergdörfer mit diversen Requisiten abhandengekommenen Lokalkolorits ausstaffiert? Bekommt er eine Extraprämie, daß er mit einem Stoppelbart à la Urviech seine Gäste zur schellenbimmelnden Kufenfahrt begrüßt? Es hilft indes nichts, daß schon ein paar Sätze ihn unüberhörbar als Urtiroler ausweisen. „Mag bei den Amis ziehen“, sagt ein Seefeld-Stammgast aus Köln. Er aber sieht die Fiaker als Show: „Das gehört zum real Tyrolean style des Ortes.“ Wegen der Atmosphäre kommt der Kölner schon lange nicht mehr. „Nur noch wegen der Skimöglichkeiten.“

Seefeld, wegen seines Talents zur Loipengestaltung zu olympischen Ehren gekommen, ist eine wie geschmiert funktionierende GmbH, eine Gemeinde mit beeindruckender Hochseilartistik. Täglich – Schienen, starke Kabel und eine Menge Strom machen’s möglich – findet auf Härmelekopf, Seefelder Joch und Gschwandtkopf ein mechanisierter Almauftrieb statt: Massenweise modische Hangschaber nehmen daran im Winter teil, Hochwanderer im Sommer.

Oberster Manager der GmbH ist Bürgermeister Erwin Seelos. Agraringenieur ist er und zugleich Leiter der Skischule. Man traut ihm zu, daß er die Härmele-Skikurven im Schuß packt und gleich anschließend über Profitmaximierung referiert. Wenn er abends zuschaut, wie sich der Härmele-Zuckerhut langsam rosa verfärbt, dann kommt er nicht ins Schwärmen, sondern ins Bilanzieren. Mit der ausklingenden Saison könne man auf keinen Fall zufrieden sein: „Unsere winterlichen Nächtigungszahlen stagnieren“, klagt der Bürgermeister. Ein Langlauf-Dorado zu sein, genüge nicht mehr. Man müsse schon mit neuen Liftanlagen höher hinauf auf den Härmelekopf, ein herausforderndes Alpinski-Revier für die Jüngeren schaffen.

Wohlstand verpflichtet offenbar zu dessen Vermehrung. Dank potenter Steuerzahler wie dem Spielkasino steht Seelos einer der reichsten Gemeinden der Republik vor. Werden aber Erschließungselan und modernes Management seiner GmbH von respektierten, weisen Dorfältesten unter die Lupe genommen? Falls damit das gewählte Gremium gemeint sei, in dem er sitze, antwortet der Gemeinderat: „Unter uns weilen nur wenig Weise.“ Den Räten fehle die Bereitschaft, auf die bescheidene Vergangenheit des Ortes zurückzublicken.

Jahrhundertelang blieb Seefeld kaum mehr als eine Handvoll Bauernhäuser auf dem breiten Bergsattel zwischen Inntal und dem Königreich Bayern. Dem Ästheten, an einem blaugewaschenen Sommertag zwischen Zirl und Scharnitz unterwegs, bietet sich ohne Zweifel noch immer ein visuelles Fest: Wiesen wie Malerpaletten mit Enzian, Anemonen, Himmelschlüsseln und anderen Blumen betupft, dahinter Schneegipfel, die im Abendlicht erröten.