"Amerasia" von Wolf-Eckart Bühler. Das "Böse des Banalen" sichtbar machen will der Film anhand der Nachwirkungen des Vietnamkriegs: John Scott, ein schwarzer US-Amerikaner und ehemaliger Gl, reist nach Thailand, um von dort nach Vietnam weiterzureisen, "auf der Suche nach dem, was er nicht finden will". Während er in Bangkok auf sein Visum wartet, wird er nach und nach mit dem konfrontiert, was dieser Krieg dem USA-freundlichen Thailand hinterlassen hat: Tausende ehemaliger GI’s, die zu Hause als "baby burners" (statt wie erhofft als Helden) empfangen und mißachtet worden waren, und die sich hier als Geschäftsleute, Familiengründer oder schlicht wartend, zum Teil auf eine erhoffte Rache, aufhalten. Oder die Flughäfen mit ihren verrottenden Wracks, die "Straßen der Freundschaft" dorthin; oder die Vergnügungsviertel, eingerichtet und gefördert von der US-Armee, heute maßgeblich von bundesdeutschen Touristen genutzt. Oder die Kinder, Mischlinge Thai-weiß, Thai-schwarz, Thai-chicano: die Amerasier. Das fremde Auge erkennt sie oft kaum oder nur, wenn schwarzkrause Locken oder blaue Augen allzu offensichtlich sind – in Thailand sind sie Außenseiter, oft ohne Papiere und Staatsbürgerschaft, die meisten leben in Slums und tauchen früher oder später in den Polizeiakten auf.

Bühlers Film folgt sehr geschickt einem semi-dokumentarischen Prinzip. Sein Protagonist (gespielt von John Anderson, der selbst Soldat in Vietnam war) stolpert nicht-begreifend, verängstigten Blicks durch die reale Szenerie; die (nach-)gestellten Dialogszenen zwischen ihm und ehemaligen Kameraden oder einem amerasischen Mädchen, das ihn aufklärt über das, was er sieht, greifen nahtlos in die dokumentarischen Sequenzen aus Slums oder vom Kinderboxen im Vergnügungsviertel.

Ein wenig störend ist dabei die verwirrende Mischung aus Originalton, eingesprochenen Kommentaren und Übersetzungen und Untertiteln. Die gespielte Handlung gewinnt ihre Authentizität aus dem dokumentarischen Teil, sie bringt ihn auf den Punkt, emotionalisiert ihn teilweise. Dabei bleibt der Film so ratlos wie sein Protagonist angesichts der Komplexität der Materie: Den Helden bleibt nur die Abreise.

Bodo Zoege

"Honkytonk Man" von und mit Clint Eastwood. Okay: Statt eines Schießprügels hält Clint Eastwood dem Zuschauer diesmal eine Westerngitarre entgegen. Statt entschlossen zu handeln, singt er mit samtener Stimme. Statt versteinert Gegner und Kamera zu fixieren, blickt er feucht und hilfesuchend um sich, das faltige Wind- und Wettergesicht ungewohnt schlaff. Okay: so kennen wir Clint Eastwood alias Dirty Harry alias Namenloser Reiter nicht – und so wollen wir ihn auch nicht kennen. Weshalb aber bringt der/Verleiher den bereits 1982 entstandenen Film jetzt plötzlich doch noch in die deutschen Kinos? Etwa weil der große Norman Mailer gesagt hat: "Für mich ist Clint Eastwoods .Honkytonk Man‘ der beste Film über die ländliche amerikanische Provinz seit Peter Bogdanovichs ‚The Last Picture Show‘"? Auch große Männer können sich irren, vor allem wenn sie ein halbes Dutzend geschiedener Frauen unterhalten müssen.

Man urteile selbst: In der Zeit der großen Depression reist der Country-Musiker Red Stovall – nach dreißig mäßig erfolgreichen Berufsjahren ausgelaugt, tuberkulös und versoffen – in Begleitung seines vierzehnjährigen Neffen Whit nach Nashville zum Vorsingen: Seine letzte Chance, endlich groß herauszukommen. Die Spannung (Schafft er’s? Schafft er’s nicht?) steigt schleppend im Verhältnis dazu, wie oft und wie stark sich unterwegs die Taschentücher des hustenden Gitarrenhelden mit Blut und Lunge färben. Von der "ländlichen amerikanischen Provinz" sieht man auf der Reise zumeist Bars, Hotel- und Motelzimmer sowie staubige Straßenränder – nicht gerade Bilder von allzu innovativer Kraft also.

Offensichtlich wollte sich Clint Eastwood einen alten Traum erfüllen und einmal so richtig "Kunst" machen. Und "Kunst" bedeutet wohl in erster Linie, daß die Figuren gebrochen und zweifelnd zu sein haben. Also gibt Eastwood den abgetakelten Musiker als unsympathischen und launischen Waschlappen, der es ohne seinen minderjährigen Neffen (gespielt von Eastwoods Sohn Kyle) nie nach Nashville schaffen würde. Wer soll Dirty Harry diesen Typen abnehmen? In einer solchen Rolle fehlt Eastwood das Charisma, das ihn zur Kultfigur werden ließ. Das mag ungerecht sein, aber es ist wahr. Okay? Maxim Biller