In keinem anderen Land Europas stehen so viele Kernkraftwerke wie in Frankreich. Nirgends rast ein auch nur annähernd so schneller Zug durch die Landschaft wie der französische TGV. Konkurrenzlos auf dem alten Kontinent sind die Supervögel "Concorde" und "Mirage". Und kindlich, fast fanatisch ist der Glaube der Franzosen an die Verheißungen der Technik.

Präsident George Pompidou, der schwerblütige Mann aus der Provinz, predigte als erster die Industrialisierung. Und als im Juli 1984 Laurent Fabius das Amt des Premierministers übernahm, wurde die Modernität zum Regierungsprogramm. "Modernisieren und sammeln", so hieß der erste Satz seiner Regierungserklärung "Das sind die Prioritäten meiner Regierung."

In den Köpfen der Franzosen aber herrscht noch die alte Ordnung. Da nistet neben dem Vertrauen auf den Fortschritt das eiserne Festhalten an vertrauten Gewohnheiten.

Sogar im modehungrigen Paris hört man oft den Satz: Je mehr sich alles ändert, desto mehr bleibt es sich gleich! Präsidenten und Regierungen können die Modernität beschwören, letztlich gilt immer noch, was der Soziologe Michel Crozier feststellte. "Man ändert eine Gesellschaft nicht per Dekret."

Versucht wurde das wiederholt. Da unterzeichnete zum Beispiel Paris 1968 eine internationale Konvention, die vorsah, daß in allen westeuropäischen Ländern die Autofahrer nach Einbruch der Dunkelheit in geschlossenen Ortschaften mit Abblendlicht fahren sollten. 1979, zu Giscards Zeiten, wurde die Vorschrift auch für Frankreich verbindlich – und der Aufstand brach los.

Nach eigenem Gusto

Fast einmütig verweigerten sich die Autofahrer und beharrten darauf, wie eh und je mit Standlicht zu fahren. Zeitungen riefen offen zum Boykott auf, in mehreren Städten wurden regelrechte Widerstandskampagnen organisiert. Die absurdesten Argumente gab es zu hören: etwa daß Abblendlicht den Augen schade oder daß damit 60 000 Tonnen Benzin im Jahr mehr verbraucht würden. Selbst im Parlament gingen Abgeordnete und Senatoren auf die Barrikaden.