Mein Guru hatte mir geraten, Deutschland während des kalten Winters zu meiden. Also suchte ich mir ein schneefreies Exil und packte die Koffer. Da am Ort meiner Wahl die wichtigsten deutschen Tageszeitungen täglich frisch ausliegen, wollte ich sie mir nicht nachschicken lassen. Die Post aus Deutschland braucht erfahrungsgemäß drei Tage, und abgelagerte Zeitungen verlieren im Gegensatz zu einem abgelagerten Rinderfilet erheblich an Wert.

Also schrieb ich zwei Tage vor meiner Abreise an die Vertriebsabteilungen der drei überregionalen Tageszeitungen, die ich abonniert habe, und bat, mein Abonnement für die Dauer meiner Abwesenheit ruhen zu lassen.

Dann fuhr ich beruhigt ins Exil und kaufte meine gewohnte Zeitungslektüre nun Tag für Tag am Kiosk. Als ich nach knapp einem Monat für einige Tage nach Hause zurückkehrte und die Wohnungstür öffnete, kollidierte ich mit einem Himalaya aus Papier, dessen umstürzende Masse mich fast begraben hätte. Die Wochenzeitungen, die ich erst gar nicht abbestellt hatte, sowie 24 mal 3 Tageszeitungen, deren Zustellung ich ausgesetzt glaubte, bilden, aneinanderliegend, einen derart imponierenden Haufen Altpapier, daß es der Kondition eines Reinhold Messners bedarf, um bei einem solchen Anblick nicht verzagt den Rückzug anzutreten.

So trat ich also den Rückzug an, allerdings nicht verzagt, sondern wütend. Wozu schreibe ich denen, wenn sie nicht reagieren? Zählt der Abonnent erst dann, wenn er eine Anzeige aufgibt? Und gleich alle drei Zeitungen, sonst von sehr verschiedenem Zuschnitt, reagieren so identisch, wenn es um den Kundendienst geht, daß der Verdacht aufkommt: sie kennen keine Kunden mehr, nur noch Inserenten.

Auf dem Flugplatz traf ich einen befreundeten Zeitungsverleger (dessen Zeitung ich nicht abonniert habe) und schimpfte auf die Unzuverlässigkeit seiner Kollegen. „Das passiert bei uns genauso“, sagte er zu meiner Verblüffung. „Das ist der Computer. Da können wir nicht einfach von einem auf den anderen Tag die Abonnements ’rausfischen und Zustellungen unterbrechen und was derlei Extrawünsche mehr sind! Warte nur, nach ungefähr vier Wochen kommen deine Zeitungen nicht mehr. Es kann dann allerdings auch lange dauern, bis sie wieder zugestellt werden. Auch dafür ist schließlich der Computer zuständig!“

Bisher hatte ich halbwegs geglaubt, was die Fortschrittsgläubigen versprachen, daß nämlich die Computer unser Leben erleichtern: Wozu drei Spezialisten vier Wochen brauchen, das schafft ein Computer in zwei Minuten! Solche Sprüche habe ich noch im Ohr. Doch beim heutigen Stand der Datenverarbeitung ist es offenbar nicht einmal möglich, das, was in vorcomputerisierten Zeiten innerhalb von 24 Stunden erledigt wurde, in 24 Tagen zu besorgen.

Die Lieferung meiner Zeitungen wurde schließlich nach 28 Tagen eingestellt. Noch sitze ich im Exil, den fremdsprachigen Kiosk in Reichweite, wo täglich am frühen Nachmittag die neuesten Niederlagen Boris Beckers und die alten Affairen des Kanzlers per Luftfracht eintreffen. Wie lange es dauern wird, bis nach meiner Rückkehr die Abonnements wieder anlaufen, scheint mir nach den aufklärenden Worten meines Verlegerfreundes ungewiß.

Wäre da nicht, außer Becker und Kohl, noch manch andere Nachricht, es könnte mir eigentlich egal sein. Wahrscheinlich ist das auch die Einstellung der Computer: Es ist ihnen egal.