Von Irene Mayer-List

Er sitze „die Probleme aus wie Helmut Kohl“, ärgert sich der hessische Grüne Jan Kühnert über seinen Parteikollegen Joseph „Joschka“ Fischer. „Der macht keine Real-, sondern Irrealpolitik nach der Art: Viel Wind, und sonst passiert nix“, zürnt er über die erste Anordnung des neuen hessischen Umweltministers für den Chemiekonzern Hoechst, den größten Steuerzahler und privaten Arbeitgeber im Lande, den mengenmäßig größten Verschmutzer des Mains und Erzfeind der Grünen. Bei Hoechst hingegen atmet mancher Manager erleichtert auf: „Der Fischer ist ziemlich nüchtern“, lobt ein leitender Mitarbeiter im Vertrauen, „von der Atmosphäre her gibt es zunächst keine Probleme.“

In der vergangenen Woche gab Joschka Fischer, von der realpolitischen Fraktion der Grünen im Dezember ins Amt befördert und seither von der hessischen Industrie gefürchtet, sein großes Wiesbadener Debüt: Trotz Grippe und Fieber fuhr er für eine Pressekonferenz in den Landtag, um mitzuteilen, welche – ordnungsgemäß anstehenden – Abwasservorschriften er für die nächsten anderthalb Jahre für Hoechst beschlossen habe. Die Unternehmer im Lande waren gespannt, denn außer kleineren Routineanordnungen – zum Beispiel für die Abwässer der Autofirma Opel – hatte der neue Minister noch keine wegweisenden Amtshandlungen vollzogen. Und auch die Interviews, die er aus Wiesbaden gab, brachten in bezug auf seine Industriepolitik bis jetzt wenig Erhellendes: Die Leser der Frauenzeitschrift Brigitte erfuhren hauptsächlich, daß der Minister „äußerst ungern“ im Kindergarten war und seine „Mami“ früher die „Klamotten“ kaufte, während er der Illustrierten Quick immerhin mit den Worten „Ich heiße Joschka Fischer und nicht Herkules“ andeutet, daß auch er sich der Grenzen seines Ministeramtes bewußt sei.

Wer im Fall Hoechst auf einen Eklat hoffte, wurde denn auch enttäuscht. Sanft wie ein Lamm lobte der sonst nicht gerade zimperliche Politiker vor den Journalisten den Chemiekonzern, gegen den seine Parteikollegen früher mit Plakaten – Aufschrift: „Hoechst versucht Behörden zu erpressen und Mitarbeiter zur Kooperation bei der Umweltkriminalität zu zwingen“ – demonstriert hatten. Der Minister sah es jetzt anders: Die Firma habe mit Milliardenaufwand dafür gesorgt, daß der Untermain wieder sauberer werde, lobt er. Sie sei sicher auch bereit, diesen Weg fortzuführen. „Eine äußerst geschickte Taktik“, kommentiert ein Hoechst-Manager, der nicht namentlich genannt werden will.

Der Weg, den der Minister dem Chemiekonzern vorzeichnete, scheint aber auch sonst – wider Erwarten – leicht begehbar. Hoechst-Chef Wolfgang Hilger, der noch im Herbst dem grünen Minister mit einer „gewissen Bestürzung“ entgegensah und Investitionsverlagerungen aus Hessen als „durchaus ernste Alternative“ erwog, kann aufatmen. Die neuen Grenzwerte für Abwasserschmutz, die Joschka Fischer für das Hoechst-Stammwerk und den Zweigbetrieb Griesheim am Main sowie der wenige Kilometer entfernten Tochterfirma Kalle am Rhein mitteilte, bringen das Unternehmen kaum in Bedrängnis. Schon wenige Stunden nach der Wiesbadener Pressekonferenz gab Hoechst bekannt, daß man bereits jetzt die Werte bei Säuren um rund zwei Drittel, bei Quecksilber um drei Viertel und bei dem Schwermetall Cadmium gar nun mehr als neunzig Prozent unterschreite. Über die Höhe der erstmals festgesetzen Grenzwerte für andere Giftstoffe, so zum Beispiel krebsverdächtige Benzolverbindungen, gab es aus Frankfurt ebenfalls noch keine Klagen.

Brisant dürfte es für den Konzern lediglich sein, daß sich der Minister in Zukunft genauer über die Zusammensetzung der Abwässer in den Werken informieren will. Hoechst wurde verpflichtet, von jetzt an eine Reihe zusätzlicher, als gefährlich eingestufter Stoffe in den Abwasserrohren zu messen und die Daten nicht nur kurz vor dem Abfluß in Main und Rhein, sondern auch schon an den Produktionsanlagen zu sammeln – dort wo bis jetzt das Betriebsgeheimnis beginnt. In computergerechter Form sollen die Daten dann an die Beamten geliefert werden, da man sich an den Kontrollstellen in den heutigen Papierbergen – rund 100 000 Daten werden von Hoechst jährlich geliefert – kaum mehr zurechtfindet. In anderthalb Jahren, so tröstet Joschka Fischer, seine enttäuschten Freunde aus der Umweltbewegung, wolle er dann mit den neuen Computerinformationen „wirklich grüne Bescheide“ erlassen.

„Das ist doch ein Witz, denn bis dahin ist seine Amtszeit vorbei“, grummelt der grüne Fundamentalist Jan Kuhnert und regt sich darüber auf, daß seine Landtagsgruppe den industriefreundlichen Anordnungen nicht einmal zäh widersprochen habe. „Der Joschka“ hätte einfach gesagt, zu mehr sähen sich seine Beamten zur Zeit nicht in der Lage, und das sei dann nach kurzer Diskussion auch geschluckt worden. Ein Ansporn für die grünen Realpolitiker im Ministerium? „Ökonomie und Ökologie sind auf längere Sicht keine gegensätzlichen Interessensphären“, verkündet Fischers Pressesprecher Georg Dick jetzt schon beinahe wie ein CDU-Politiker: „Der Minister will zusammen mit der Industrie machbare Wege gehen, denn wir sind auf deren Know-how angewiesen.“