Von Erika Martens

In der Theorie ist alles klar. Sozialdemokraten, darüber gibt es keinen Zweifel, kämpfen für die Mitbestimmung der Arbeitnehmer. So steht es in ihrem Parteiprogramm, und so verkünden es ihre Politiker landauf, landab in schönen Sonntagsreden. In der Praxis freilich sieht das manchmal ganz anders aus. Da benehmen sich die Genossen Sozialdemokraten, sobald sie Unternehmer sind, schlimmer als die schlimmsten Kapitalisten.

Eine solche Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis registrieren derzeit sozialdemokratische Arbeitnehmervertreter in Frankfurt. Dort tragen Genossen und Kollegen einen pikanten Konflikt aus. Funktionäre der Gewerkschaft öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) streiten mit Sozialdemokraten, wer neuer Arbeitsdirektor des Frankfurter Flughafens (FAG) werden soll.

Das Unternehmen mit seinen 7600 Mitarbeitern, dessen Eigentümer das Land Hessen (45,2 Prozent), die Stadt Frankfurt (28,9 Prozent) und der Bund (25,9 Prozent) sind, sucht einen Nachfolger für den im Dezember vergangenen Jahres verstorbenen Personalchef Willi Reiss. Noch vor Weihnachten nahm deshalb der hessische ÖTV-Vorsitzende Herbert Mai Kontakt mit dem FAG-Aufsichtsratsvorsitzenden Hans Krollmann auf.

ÖTV-Mitglied Krollmann, im Hauptberuf hessischer Finanzminister, wurde darüber informiert, daß die Gewerkschaft den verwaisten Posten gern mit ihrem stellvertretenden Landesvorsitzenden Willi Hanss besetzen würde. Der Gewerkschafter, der seit acht Jahren auch Stellvertreter Krollmanns im Aufsichtsrat des Unternehmens ist, habe sich auch in schwierigen Zeiten stets für die Belange des Betriebes eingesetzt und könne die Arbeit seines Vorgängers nahtlos fortsetzen, argumentierten die Kollegen.

Doch die Frankfurter Sozialdemokraten hatten längst andere Pläne. Schon ein Jahr zuvor, glauben die Gewerkschafter, sei bei einem Treffen in der Dienstwohnung von Ministerpräsident Holger Börner ein anderer für den Vorstandssessel bei der FAG ausgeguckt worden: Hans Michel, Fraktionsvorsitzender und Geschäftsführer der SPD-Fraktion in der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung.

Michel bestätigt, daß er schon Ende November 1984 gefragt worden sei, ob er die Nachfolge des schwerkranken Willi Reiss antreten wolle. Und er findet selbstbewußt, daß "dies eine Aufgabe ist, die mir quasi auf den Leib geschrieben ist". Schließlich komme auch er aus der Gewerkschaftsarbeit. Michel war Arbeitnehmervertreter bei Hoechst, ehe er hauptberuflich Funktionär der Industriegewerkschaft Chemie und später des Deutschen Gewerkschaftsbundes wurde.