ARD, Sonntag, 9. März: Doch nicht „Mord am Pool“ von Francis Durbridge

Jetzt ist das Schlimmste passiert, der größte anzunehmende Unfall, der den Fernsehkritiker treffen kann, hat sich ereignet. Neben Implosion der Bildröhre ist das: Programmausfall, Bildstörung, Boris Becker. Es soll schon Kollegen geben, die, ganz gegen den herrschenden Trend, ihren Tennisschläger an den Nagel hängen. Sie können diesen dumpfen Laut nicht mehr hören. Wenn die Saiten des Schlägers auf den Filz des Balls treffen, befällt sie eine motorische Unruhe. Sie schlagen daneben. „Bum, bum“: nachts schrecken sie aus dem Schlaf, berichten ihre Ehefrauen. In den Zeitungen galten sie jahrelang als Koryphäen des zweispaltigen Schreibens. Bis Becker gegen die Fernsehkritik spielte.

Im Ernst, auch ich bin betroffen. Wie es sich für einen Krimifan gehört, habe ich mich einen Sonntag lang auf Durbridge eingestimmt. Die Halstücher im Kleiderschrank sehen auf einmal gefährlich aus. Auf dem Schreibtisch ein Chandler: „Jetzt hören Sie mir mal genau zu, Marlowe. Rühren Sie den Fall Lennox auf, und Sie sind ein toter Mann.“ Vor dem geistigen Auge des Fernsehkritikers wallen Nebel durch Londoner Straßen. Er sieht ein einsames Landhaus, irgendwo in Sussex. Das ist es: ein unbekannter Verbrecher, eine hilflose Polizei und der Fernsehkritiker, so raffiniert wie der große Detektiv, dem er immer einen Schritt voraus ist. Ich stelle es mir genußvoll vor, wie ich die Fernsehkritik diesmal eher breit anlege, Demonstration von Fachwissen, klassische Attitüde. Pünktlich Viertel vor neun bin ich zur Stelle: Francis Durbridge, „Mord am Pool“, Es spielt Boris Becker.

Der „Sportschau“-Moderator wirkt mitleidlos. Er vertröstet die „Krimifreunde“, ohne für den Durbridge einen neuen Sendetermin anzugeben. Das ist ein Affront. Überhaupt hat der Moderator zwischen den Spielen in Mexiko sehr viel Zeit. Schon zeigt er uns, wie zwei Ringer übereinander herfallen. Schlägereien: das sind Fälle für den Streifendienst, eine Zumutung für die kombinatorische Intelligenz eines Detektivs. Man hatte sich auf Spurensuche eingestellt und fand Brutalität.

Hätte man zwischen den Tennisspielen nicht einen Trailer zeigen können, ein paar Szenen aus dem neuen Durbridge? wir hätten dann schon mit den Ermittlungen begonnen, hätten gemutmaßt und geargwöhnt: Detektive bei der Arbeit. Aber Phantasie ist keine Sache der „Sportschau“. Schon Viertel vor neun wird der Fernsehkritiker müde. Gerade noch rechtzeitig erinnert er sich daran, wie sich sein Kollege, der Meisterschnüffler Phil Marlowe, in solchen Situationen hilft: „Ich ging in die Küche, um Kaffee zu kochen – kannenweise Kaffee. Starken, bitteren, brühheißen, skrupellosen, lasterhaften Kaffee. Das Lebenselixier der müden Menschen.“ Helmut Schödel

Korrektur

„Die Gnade der späten Geburt“ – so mußte die Unterschrift zu Hans-Georg Rauchs „Zeitzeichen“ (ZEIT Nr. 11) richtig lauten. Für den falschen Bildtitel in einem kleineren Teil der Auflage bitten wir die betroffenen Leser um Nachsicht.