Viele deutsche Sparer gehen in die Warteposition

Mit ihrer Diskontsenkung hat die Bundesbank eine neue weltweite Zinssenkungsrunde eingeläutet. In der Bundesrepublik war dieser Schritt in den letzten Wochen schon durch den auf den Rentenmärkten vollzogenen Zinssenkungsprozeß vorweggenommen worden. Wenn die Renditen in dieser Woche nochmals geschrumpft sind, ist das nach Meinung vieler Rentenmarktexperten die Folge spekulativer Käufe, die in Erwartung einer weiteren Leitzinssenkung vorgenommen werden. An der Börse herrscht Befriedigung darüber, daß die Bundesbank den Diskont nur behutsam von vier auf 3,5 Prozent zurückgenommen hat und nicht gleich um ein volles Prozent. Jetzt ist dem Markt die Phantasie erhalten geblieben.

Es gilt als sicher, daß der Kapitalmarktzins in der Bundesrepublik seinen tiefsten Punkt noch nicht erreicht hat, obwohl die Umlaufrendite – das ist die durchschnittliche Rendite aller im Umlauf befindlichen festverzinslichen Wertpapiere – inzwischen auf dem niedrigsten Stand seit 1978 angelangt ist (siehe Graphik). Da es zwischen der Entwicklung der Umlaufrendite und der Inflationsrate nicht zuletzt dank der gefallenen Olpreise in diesem Jahr voraussichtlich weiter schrumpfen wird, scheinen auch von dieser Seite Chancen für eine fortschreitende Zinssenkung vorhanden zu sein.

Daß geringe Zinsen in der gegenwärtigen konjunkturellen Lage erwünscht sind, ist nicht zu bezweifeln. Daß sie aber auch eine Kehrseite haben, spüren vor allem jene Sparer, die in diesen Tagen Geld anzulegen haben. Der Trost, auch bei den gesunkenen Zinssätzen eine hohe (manche meinen: eine zu hohe) Realverzinsung kassieren zu können, ist nicht sonderlich beeindruckend, denn die Realverzinsung ist keine feststehende Größe. Durch ein Wiederanspringen der Geldentwertung würde sie sich rasch vermindern, falls nicht gleichzeitig die Zinsen wieder heraufgesetzt werden. Und wer will behaupten, daß die Inflation schon für alle Zeiten besiegt ist?

Wer heute Geld anlegt, muß nach vorn sehen. Und zwar über die nächsten sechs Monate hinaus, in denen sich mit ziemlicher Sicherheit die Zinslandschaft nicht gravierend verändern wird.

In dem jetzt erschienenen Börsenbericht des Frankfurter Privatbankhauses Georg Hauck & Sohn wird versucht, die Gefahren aufzuzeigen, die dem deutschen Rentenmarkt entstehen können. So wird darauf verwiesen, daß amerikanische Anleger in den letzten 14 Monaten mit deutschen Renten einschließlich der Währungsgewinne insgesamt fast 50 Prozent verdient haben. Dollar-Anlagen brachten dagegen nur zwanzig Prozent. „Wenn der Dollar erst einmal an den Devisenmärkten Boden findet, muß sich der deutsche Rentenmarkt wahrscheinlich auf eine größere Abgabewelle gefaßt machen. Die Kapitalströme würden dann vermutlich weitaus stärker in Richtung USA laufen.“

Wer nicht an eine rasche Kurserholung des Dollars glaubt, kann zur Zeit Dollar-Bonds nicht als sonderlich reizvoll empfinden. Staatspapiere mit dreißigjähriger Laufzeit werfen in den USA nur noch 8,2 Prozent Rendite ab, vor einem Jahr waren es 11,7 Prozent. Der Zinsvorteil gegenüber langlaufenden Bundesanleihen ist auf etwas mehr als zwei Prozent geschrumpft. Viele deutsche Anleger sind der Meinung, daß diese Marge das in Dollarpapieren liegende Währungsrisiko nicht mehr rechtfertigt.