Von Helmut Trotnow

London-Besuchern ist er bestens bekannt. Überall begegnet man ihm in der britischen Metropole. Sei es als Denkmal oder als Namenspatron. Imposant und elegant zugleich schaut seine Statue auf die „Royal Albert Hall“, Austragungsort so vieler prächtiger Veranstaltungen. Auch ein Museum ist nach ihm und seiner Frau benannt und für die englische Durchschnittsfamilie ist sein Vorname so etwas wie ein „household name“. Paul McCartney von den Beatles hat ihn in seinem berühmt gewordenen Lied „Uncle Albert“ auch musikalisch unsterblich werden lassen: den Prinzen Albert, Gemahl der wohl berühmtesten, auf jeden Fall aber mächtigsten Königin von England, Viktoria, unter deren Regentschaft das englische Königreich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur britischen Weltmacht aufstieg. Ob allen deutschen Besuchern der englischen Hauptstadt auch klar ist, daß die Herkunft dieses Prinzen hier in der Bundesrepublik zu suchen ist?

Albert von Sachsen-Coburg und Gotha – so sein vollständiger Name – wurde 1819 im Schlößchen Rosenau in der Nähe Coburgs geboren. Das winzige Herzogtümchen, Überbleibsel aus der Zeit des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, existiert heute natürlich nicht mehr. Ein Teil seines Gebietes liegt in der DDR. Doch sowohl der Geburtsort, der zur Zeit mit sehr viel Geld und Mühe vom Land Bayern restauriert wird, als auch die Stadt Coburg sind dem bundesdeutschen Touristen ohne Schwierigkeiten zugänglich. Albert – „this German Prince“, wie die Engländer sagen – ist jedoch nicht nur aus der Sicht der Tourismusbranche von Interesse. Auch die Historiker haben ihn in den letzten Jahren verstärkt in ihr Herz geschlossen und zum Gegenstand von Untersuchungen gemacht. Dies ist eigentlich kein Wunder, denn seit Jahrzehnten haben sich Wissenschaftler mit den Beziehungen zwischen Briten und Deutschen auseinandergesetzt; Beziehungen, die geprägt sind von einer merkwürdigen Mischung aus Ähnlichkeiten und Gegensätzen. Hier die konstitutionelle Monarchie, Mutterland der Demokratie und der industriellen Entwicklung, dort die spät geschaffene Nation unter Führung Preußens, Zwitter zwischen dem zaristischen Despotismus im Osten und den demokratischen Gesellschaften im Westen.

Unter Fachleuten gilt noch immer die Hypothese, daß eine realistische Einschätzung britischer Politik durch die in Deutschland Herrschenden vielleicht sowohl 1914 als auch 1939 den Weltkrieg hätte verhindern können. Bedenkt man dann noch, daß die in jüngster Zeit zum Teil äußerst heftig geführte Kontroverse um den sogenannten „deutschen Sonderweg“ in der geschichtlichen Entwicklung des 19. und 20. Jahrhunderts unvermindert anhält, so ist das Interesse für die Person Prinz Albert wie auch für den entsprechenden zeitlichen Abschnitt deutsch-englischer Beziehungen beinahe selbstverständlich. Ja, es drängt sich sogar die Frage auf, warum dieses Interesse nicht schon früher hervorgetreten ist.

Zahlreiche Wissenschaftler und wissenschaftlich Interessierte aus beiden Ländern haben sich daher vor geraumer Zeit zur „Prinz-Albert-Gesellschaft“ mit Sitz in Coburg zusammengeschlossen. Vorsitzender ist gegenwärtig der Bayreuther Historiker Adolf M. Birke, der auch das Deutsche Historische Institut in London leitet. Seit 1983 veranstaltet die Gesellschaft alljährlich Fachkonferenzen, die alternierend in der Bundesrepublik und in Großbritannien stattfinden. Die Beiträge dieser Konferenzen werden als Prinz-Albert-Studien von Birke und Kurt Kluxen, dem Gründungsvorsitzenden der Gesellschaft herausgegeben. Nachdem in den ersten beiden Fachkonferenzen mit dem „viktorianischen England in deutscher Perspektive“ und „Kirche, Staat und Gesellschaft im 19. Jahrhundert“ Detailfragen behandelt worden waren, hat sich die letztjährige Konferenz erstmals an einen „Systemvergleich“ herangewagt. Die Beiträge der deutschen und britischen Wissenschaftler sind jetzt nachzulesen in:

Deutscher und britischer Parlamentarismus; herausgegeben von Adolf M. Birke und Kurt Kluxen; K. G. Saur Verlag, München 1985; 192 S., 68– DM.

Die Rolle und Funktion des Parlaments stellt einen exzellenten Vergleichsmaßstab dar, wenn es darum geht, die politische Entwicklung in beiden Ländern von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die heutige Gegenwart zu vergleichen. Gewiß, vergleichende Studien sind immer problematisch und werden erst fruchtbar, wenn sie sich auf Vergleichbares beschränken. Doch selbst im negativen Falle schärfen sie den Blick für die eigene und für die fremde Entwicklung.