Von Uwe Kirst

Der kalte Wind hat den Schnee auch in die tiefsten Risse der Ruinen auf dem Schloßberg gepreßt. Die Schritte knirschen im Schnee. Dünne Rauchfahnen, wenige nur, steigen in den milchig-matten Himmel über Arnsberg. Da liegt sie, unsere kleine Stadt, glasiertes Abziehbild der Gemütlichkeit.

Das Bild hat seine zwei Seiten. Geteilt durch die mächtige Schleife der Ruhr, die hier im Sauerland noch nicht von ihrem trüben Schicksal ereilt wurde und rein in Richtung Revier fließt, liegt hüben das alte, drüben das moderne Arnsberg.

Der Winter verstärkt die Akzente: Fachwerk, graue Dachschindeln, weiße Tupfer und Hauben, Romantik in Schwarzweiß: Das ist das Winterbild. Aber es gilt so nur für den alten Teil der Stadt. Auf der anderen Seite der Ruhr breitet sie sich zweckbetont und uniform aus.

Arnsberg selbst verleiht sich die Attribute: „echt gediegen“ oder „beschauliche Idylle“. Nun gut, für die eine Hälfte des Städtchens stimmen diese Allgemeinplätze ja auch. Es ist das verwinkelte Gebiet rund um den Schloßberg, es sind die eng aneinander geschmiegten Fachwerkhäuser, von denen viele liebevoll renoviert sind, es sind die kleinen Stiegen und Treppen, Gärtchen und Törchen. Es ist wohl auch der über alles ragende Glockenturm, dessen Zwiebelhaube allerdings von einer eher südlichen Heiterkeit kündet, die freilich nicht so in die Typologie des Sauerlandes paßt. Der Turm ist das barocke Wahrzeichen für den katholischen Anteil von Arnsberg.

Alles ist so hübsch und hübsch nah beisammen in Arnsberg, alles ist nett und adrett, selbst da noch, wo es klein und banal wirken könnte. Gemütlich sind auch diese typischen Abende bei Bier und Korn und Sauerländer Mettwurst, etwa in der „guten Stube“ der Stadt, im „Hotel zur Krim“ (einst Wohnhaus des Hexenrichters), mit Blick auf den Maximiliansbrunnen. Das Hotel steht unweit der Stelle, an der der „Blaue Stein“ unter einem Marienbild in ein Haus eingelassen wurde. Heute schnuppern Hunde an dem ehemaligen Hinrichtungsstein aus dem Mittelalter.

Die Honoratioren der Altstadt treffen sich regelmäßig im Lokal „Zum Alten Schloß“. Die Statthalter dieser Art Gemütlichkeit reißen derbe Witze, kippen das Glas und kauderwelschen in einem Dialekt, der – endlich – demnächst Eingang in ein eigenes Sauerländer Wörterbuch finden soll. Der Fremde, der sich hier unter dunkler Kneipendecke mit ihnen einläßt, sollte trinkfest und selbstbewußt sein: Beides wird geprüft.