Bielefeld: "Francesco lo Savio".

"Licht ist das Lebenselement des Menschen und des Bildes", schrieb Otto Piene 1958. Für den italienischen Künstler Francesco lo Savio war es ein "Urmotiv" im nüchtern wissenschaftlichen ebenso wie im metaphysischen Sinn. An manchen besonders klaren Tagen, wer hat das noch nicht bemerkt, ändern sich die optischen Entfernungen. Häuser, ein Wald, Telegraphenmasten rücken näher, scheinen größer und viel schärfer umrissen als sonst. Es ist das unterschiedliche Licht, das sich auf unsere Wahrnehmung von Raum, von den Dingen in ihm auswirkt. Diese Beziehung von Raum und Licht ist ein Phänomen, das lo Savio in seinen Kunstwerken einzufangen versucht, ohne es wie in den alten schönen Landschaftsbildern festzuschreiben auf den einen, vom Maler gesehenen Zustand. Er will das Phänomen in seiner Freiheit, seiner Veränderbarkeit und er will es wie der Wissenschaftler objektiv darstellen. Unter der Hand entstehen dabei auch sinnliche, fast mystische Werke. Farbenergetisches Strömen, optisches Fließen wurde genannt, was wie ferne Sonnen hinter dichten fremdfarbigen Nebeln durchzuscheinen versucht. Diese Lichträume entstanden in den Jahren 1959 bis 1960 durch Auftragen zweier Farbebenen übereinander, wobei zu einem kreisförmigen Zentrum hin die zuerst aufgelegte stärker dominiert. Die Illusion eines vibrierenden Farbraumes entsteht. Ein nächster Schritt waren die "Metalli" (1960 bis 1962/3). Sie bieten nicht mehr von sich aus eine manipulierte Vision von Raum und Licht. Wie stille Artefakte hängen sie mit ihrer mattschwarzen, glatten Oberfläche regungslos an der Wand. Stumme Metallplatten. Von zweien weist zumeist die eine in den Raum. Einfache Körper, oft industriell hergestellt, makellos, fast langweilig. Ihr Geheimnis ist das Licht, das auf sie fällt, das das scheinbar immerwährende Schwarz in den verschiedenen Winkeln oder Rundungen heller und dunkler werden läßt, Schatten wirft, selbst die Figur der festen Körper zu ändern scheint. Noch ein Schritt weiter führt in die Askese. Francesco lo Savio setzt die gebogenen schwarzen Flächen nicht länger fremden Räumen aus. Er schafft ihnen ihre eigenen, baut aus weißen Zementplatten Gehäuse, die hinten und vorn geöffnet sind. Wie fremde, "unabhängige Größen" wirken diese frühen Beispiele der Minimalkunst. Noch im gleiche Jahr, in dem diese "Articolazione totale" entstanden, 1962, dehnt lo Savio sein Forschen auf den menschlichen Wohnraum und auf die Stadtplanung aus. Er entwirft ein Haus, arbeitet an einem Buch über Architektur. Dann bricht die stetige Reihe künstlerischen Experimentierens ab. Am 21. September 1963 nimmt der Achtundzwanzigjährige sich in Marseille das Leben. Nach seinem frühen Tod geriet er, der schon in den sechziger Jahren bei uns zu sehen war, schnell in Vergessenheit. Zu der jetzt in Bielefeld, später in Otterlo zu sehenden Retrospektive ist ein wirklich schönes Katalogbuch für 38 Mark erschienen. (Bielefelder Kunsthalle bis zum 30. März)

Elke von Radziewsky

Berlin: "Peter Chevalier"

Es war zu befürchten. Jetzt genügen selbst längere Passagen aus Literatur und Philosophie nicht mehr, um Kataloge zeitgenössischer Kunst zu veredeln. Latein, die Sprache der Römer selbst muß es sein. Ad fontes! Und zu den Quellen der Vergangenheit strebt die Kunst überhaupt mit Macht zurück. Kein postmodernes Jonglieren mit Stilzitaten mehr, sondern tiefernstes Bemühen um klassische Bilder ist das Gebot der Stunde. Peter Chevalier, Karlsruher des Jahrgangs 1953 und Absolvent der Braunschweiger Akademie, darf als einer der Begründer jener – im weitesten Sinne – neometaphysischen Richtung gelten, die sich, ungleich entschiedener als der vorangegangene und mittlerweile erschlaffte Neo-Expressionismus, mit der Kunst vergangener Tage beschäftigt. Nach den düster-bedrohlichen Stadtszenerien, mit denen er aus dem heftigen Einerlei der frühen Achtziger hervorstach, und einer an der pittura metafisica orientierten Dingmagie seither, scheint Chevalier mittlerweile auf dem Weg zu einer idealistischen Landschaftsmalerei irgendwo zwischen Böcklin und Carrà zu sein. Zypressen dräuen, Säulen mahnen, stumm liegt die Lyra des verschwundenen Sängers – doch, kein Zweifel, Chevalier hat in seinen jüngsten Werken erneut an kompositorischer wie koloristischer Sicherheit gewonnen und das bisweilen bloß Additive früherer Bilder hinter sich gelassen. Ob der Blick in mediterrane Zeitlosigkeit, den vor allem die Serie der "Idealen Landschaften" gewährt, allerdings schon Aussicht auf eine Erneuerung der Landschaftsmalerei in deutschrömischem Geiste ist, bleibt abzuwarten. Zumindest ist die Zeit der malenden Dilettanten endgültig vorüber. Chevaliers künstlerisches Vermögen verspricht auch für die Zukunft Bilder, die lateinisch aufgeplusterte Katalogtexte getrost entbehren können. (Galerie Raab bis zum 11. 4.) Bernhard Schulz

Wichtige Ausstellungen

Berlin: "Francis Bacon – Retrospektive" (Nationalgalerie bis 31. 3., Katalog 38 DM)