Von Horst Werra

Eigentlich wäre Karl schon in sieben Monaten wieder „draußen“. Dann hätte er zwei Drittel seiner achtjährigen Jugendhaft in der nordrhein-westfälischen Justizvollzugsanstalt Iserlohn wegen Totschlags abgesessen und einer vorzeitigen Entlassung stünde – aufgrund guter Führung – nichts mehr im Wege. Doch er hat beschlossen, auf eine frühzeitige Entlassung zu verzichten und freiwillig vier Monate länger „in der Kiste“ zu bleiben. Nur so nämlich kann er die Maurerlehre, die er im Gefängnis begonnen hat, abschließen. „Als ich reinkam, hatte ich nur das siebte Schuljahr. Einfach keinen Bock auf Schule gehabt, draußen“, erzählt er.

Drinnen versuchte Karl dann, ganz neu anzufangen. „Aber die Anstaltsleitung wollte mir erst überhaupt keine Ausbildung bewilligen. Wegen meiner schlechten Schulzeugnisse und der geringen Chancen, die Lehre erfolgreich zu beenden. Da hab’ ich gesagt, ihr müßt mir doch einfach mal eine Chance geben.“ Karl nutzte sie. Er brachte zuerst eine Schlosserlehre hinter sich und „setzt jetzt den Maurer drauf“, um nach seiner Entlassung – mit zwei Berufsausbildungen – bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben.

Seine Entscheidung, länger zu sitzen als nötig, ist die Ausnahme. Aber in den letzten Jahren gingen – wegen der sich verschlechternden Ausbildungschancen – immer mehr jugendliche Straftäter diesen Weg. Im Knast eine Schul- oder Berufsausbildung nachzuholen, ist oft die einzige Hoffnung der Jugendlichen, „draußen“ wieder Fuß zu fassen.

Von den rund 1800 (im September des letzten Jahres) einsitzenden nordrhein-westfälischen Jugendlichen – etwa ein Drittel aller Jugendhäftlinge in der gesamten Bundesrepublik – beendeten 1500 eine Lehre. Man kann alles mögliche werden: Friseur, Schlosser, Schreiner...

Die Gesellenprüfungen werden wie in Iserlohn von der Industrie- und Handelskammer abgenommen. „Unter gleichen Bedingungen wie bei regulären Prüfungen draußen“, versichert der Fachleiter der betrieblichen Ausbildung, Heinrich Pawelcyk.

Zwar schneiden die jugendlichen Häftlinge oft besser ab als andere Lehrlinge, die Probleme auf dem Arbeitsmarkt sind jedoch größer. Trotz neutraler Zeugnisse – aus den Papieren kann nicht ersehen werden, daß die Gesellenprüfungen in der Vollzugsanstalt Iserlohn bestanden wurden – fällt es den Vorbestraften sehr schwer, eine Stelle zu finden. Entsprechend groß ist die Angst vor dem „Entlassen-werden“. „Hoffentlich finde ich bis dahin einen Arbeitsplatz, sonst sehe ich für mich wieder schwarz“, meint Dieter. Auch er sitzt sechs Monate länger als eigentlich nötig, will den Sprung heraus nicht ohne seinen Brief zum Elektrogerätemechaniker wagen. „Hast du draußen keine Arbeit, hängst du wieder nun, säufst, triffst die alte Clique...“

Wenn sie die Chance hätten, ihre im Knast begonnene Ausbildung in einem Betrieb zu beenden, würde jeder der Jugendlichen lieber heute als morgen seine Anstalts- gegen die Zivilklamotten eintauschen. „Aber in diesem Punkt funktioniert die Zusammenarbeit mit den Ausbildungsbetrieben leider überhaupt nicht“, bedauert Sozialarbeiter Hans Rosenbusch. Die Unternehmen scheuen augenscheinlich das Risiko und die Probleme, die „Ehemaligen“ zu übernehmen.