Von Esther Knorr-Anders

An der Basis ist Chur rot-grün. Rote und grüne Fußstapfen kreuzen sich auf dem Pflaster und verlocken zum Folgen. Es sind „stille Stadtführer“. Die roten Füße weisen den Weg zu den geistig-erbaulichen Sehenswürdigkeiten dieser mit rund 5000 Jahren Siedlungsgeschichte ältesten Schweizer Stadt. Die grünen Füße leiten zu so irdischen Dingen wie einem Pulverturm, zum Kornplatz, zur Brotlaube.

Wer auf die eigenen Füße vertraut, wird jedoch auch abseits der vorgetretenen Pfade manch Überraschendes entdecken. Gleich am Bahnhof fällt ein alter, Geige spielender Mann auf. Kein Ton ist aber zu hören; er rührt sich nicht. Kann er auch nicht. Er ist täuschend echt auf die Bahnhofsfassade gepinselt. An vielen Stellen der Stadt begegnet man solch melancholischen Mauergestalten. Der Churer Künstler Robert Indermaur – nomen est omen – schuf sie. Ursprünglich waren sie nur ein Werbegag für eine Ausstellung im Kunstmuseum, nun wollte sich plötzlich niemand mehr von den Bildern trennen. So blieben sie „an der Mauer“. Den „Sprayer von Zürich“ muß der Neid gebeutelt haben.

Die Stadt hält noch mehr Überraschungen parat: Sollte man einst gelernt haben, Chur liege am Rhein, so ist das nur bedingt richtig. Der einheimische Fluß ist nämlich die schmale Plessur. Sie hastet durch die Stadt und stürzt unweit von ihr in den Rhein. „Lindenquai“ heißt ihre Uferpromenade. Da sitze ich jetzt, befremdlicherweise nicht unter Linden, sondern unter Pappeln.

Jenseits der Plessur zuckelt ein feuerroter Schmalspurzug der „Rhätischen Bahn“ nach Arosa. Für meinen letzten Aufenthaltstag habe ich einen Fahrschein erworben, ohne mit der Wimper zu zucken werde ich der Überquerung des „Langwieser Viadukts“ entgegenharren. Vorerst aber schweift der Blick zu den Bergen, die den Churern am nächsten sind: der mächtige Calanda, daneben Pizokel und Mittenberg. An letzteren lehnt sich die Altstadt, die aus einem Bauerndorf der Jungsteinzeit erwuchs. 15 v. Chr. kamen die Römer und quartierten sich bis 400 n. Chr. ein. Im Laufe der Zeit machten sie Chur zum Hauptsitz der Provinz „Raetia prima“ und zum wichtigsten Punkt eines Straßensystems, das – damals wie heute – Bergmassive und Schluchten zu überwinden hatte.

Die Geschichte wollte es, daß Chur samt Umland dauernd von Feinden bedroht blieb. So schlossen sich im 14. Jahrhundert Talschaften und Städte zum „Grauen Bund“ zusammen. 1803 wurde Chur Hauptstadt des Kantons Graubünden, der von den Rheintälern bis an die italienische Grenze reicht.

Immer mußte hier auf die vielfältigen Traditionen einer grundverschiedenen Bevölkerung Rücksicht genommen werden. Das beweist schon die Sprache: 54 Prozent der Graubündener sprechen deutsch; 31 Prozent rätoromanisch – ein Relikt aus ferner Vergangenheit, ein Idiom ungewisser Entstehung; 14 Prozent sprechen italienisch. Um es allen recht zu machen, sind deshalb Hinweisschilder in drei Versionen zu lesen. Zum Beispiel: Graubünden, Grischuns, Grigioni. Viele Graubündener bilden dreisprachige Sätze. Für den Gast kann das zu Mißverständnissen führen: Was ich als Frikassee gewählt hatte, stellte sich als Blattspinat, Bauernschinken und Sahne heraus, das Ganze in einer Riesenpfanne. Zweifellos eine Graubündener Delikatesse.