Ein „Wilder“ aus Paris. Das wäre etwas spät. Und so ganz will dieses Etikett auch nicht auf den jungen Franzosen Jean Charles Blais passen, von dem nun in drei Monaten schon die dritte Ausstellung bei uns zu sehen ist.

Es ist immer der gleiche scheue Kerl, der mit seinen unförmigen Gliedmaßen die Grenzen von Blais Bildern sprengen will. Füße, so groß wie Siebenmeilenstiefiel. Die Gestalt himmelstürmend. Weit nach vorn holt der Arm mit dem Stab aus. Er läuft und läuft und läuft. Wo ist das Ziel? Nun ruht er. Seine Gestalt liegt da, verschmolzen mit der Erde um ihn. Jetzt sehen wir ihn sitzen. Das Gesicht zu Boden geneigt. Blutrotes Licht, kaltes, heißes Elend füllt den Raum. Was ist geschehen? Und wieder treffen wir den schüchternen Riesen, entdecken ihn hinter schlanken Stämmen vor strahlend blauem Himmel. Eine Luft wie im Frühling, bevor die Blätter kommen. Auf den Schultern schleppt er einen Sack. Wohin des Weges?

Stumm, ohne Worte erzählen die Szenen ein Alltagsmärchen. Selten haben wir Gelegenheit, auch das Gesicht dieses Heiden von der unglücklichen Gestalt zu sehen. Abgewandt, den Kopf zwischen die Schultern gezogen, hinter der Hand, einem Hut, einer roten Fahne verborgen, Vor ein, zwei Jahren noch setzte Blais kleine gezeichnete Köpfe, Buttons gleich, in seine großen Körper ein. Wie aus winzigen Fenstern schauten Gesichter verloren in die Welt. Auch sie sind jetzt verschwunden. Er will nicht reden. Wir sollen in seinem Gesicht, in seinen Mienen keine Gedanken lesen können. Weder Auge noch Mund verraten, was er denkt. Also versuchen wir auf eigene Faust in diesen wattiggroßen Gesellen hineinzuschlüpfen, seinem einfachen Tun nachzuspüren.

Malgrund für die schlichten Geschichten sind Plakatabrisse: Fetzen oder ganze Lagen von wieder und wieder aufeinandergeklebten Szenen einer viel komplizierteren, suggestiveren Bildersprache, die werben will für Waren, die unser Leben schöner, glänzender, bequemer machen sollen. Die graue, schrundige Rückseite, zwei, drei, vier Meter hoch oder breit, benutzt Blais. Er läßt sich leiten von den zufälligen Umrissen, von den Reliefs, die die Lagen gebildet haben, erblickt in ihnen, wie Leonardo da Vinci auf einer beliebigen Mauer, Hügel, einen Leib, Hände und Füße. Er folgt der zufällig vorgegebenen Bewegung einer halbrunden Form, malt sie nach, wandelt sie um in endloses motorisches Laufen. Ein Wulst, der die baumkuchenartige Pappe vertikal durchschneiden, wird zum realen Stamm. Dieser nun dreidimensionale Bildteil wirft wiederum gemalte Schatten auf ansteigendes Land.

Blais malt nicht nach einem Plan, nach einer Idee, schon gar nicht einer theoretischen Überlegung folgend. Fast wie objets trouves benutzt er die Abrisse. Durch ihren Zuschnitt, durch ihr Volumen sind sie für ihn schon Gegenstände. Auf sie malt er Gestalten, die, wie er sagt, „... nicht mehr Personen, sondern Gegenstände sind ... Der Körper ist ein Stück Malerei geworden“. Und so sind die diversen Pappstücke bereits der einsame Riese, der zu seinem stummen Leben erwacht, wenn Blais die wenigen strahlenden Farben, meist Blau, Rot, Gelb, großflächig aufs Papier setzt. Ein uraltes Spiel mit der Phantasie, das Wolken sich zu Schlössern auftürmen, galoppierende Pferde über den Himmel rasen, die Sonne, Täler und Berge auf eine Hauswand malen läßt,

Um es seiner Schwester gleich zu tun und weil es ihm einfach erschien (so Blais), trat er 1974 in die Kunstakademie in Rennes ein. Bis 1979 studierte er dort, ging dann nach Paris und hatte hier schnell Erfolg. Er gehört zu den jungen Franzosen der „Figuration libre“, der freien Gegenständlichkeit, die sich 1981 vorstellten. Ohne Rücksicht auf die, oder besser gerade gegen die theoretischen Diskussionen der siebziger Jahre gewandt, gegen die Bildverbote greifen sie zu dem, was ihnen brauchbar erscheint. In unterschiedlicher Weise machen sie sich die eingängige Bildsprache der Trivialkultur zunutze, verwenden Comicfiguren, Klischees aus Film, der Werbung und der Musikszene. Oder machen sich, wie besonders Blais, das Repertoire der moderneren Malerei dienstbar.

Einen „professionellen Anwender“ nennt er sich selbst und hat auf diesem Gebiet bereits einiges hinter sich gebracht, Erst malte er sich durch einen ganzen Salat der Stile hindurch: eine Zeitlang impressionistisch, ein bißchen kubistisch, dann wie die Amerikaner in den fünfziger Jahren, dann etwas Konzept-Art und Arte Povera und noch manches mehr. Jetzt gehören Leger, Botero, die russische Malerei vom Anfang des Jahrhunderts, etwas Chia und demente, ein wenig Chagall und van Gogh in seinen Requisitenfundus.