Jürgen Habermas versucht, die Dialektik der Aufklärung fortzuführen

Von Willy Hochkeppel

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Die Moderne, die Marx in der Lokomotive versinnbildlicht sah, muß sich als schlechthin neue Zeit, ohne Rückgriffe und Vorbilder ihrer selbst vergewissern. Hegel glaubte diese neue Zeit mit dem Allzweck-Begriffspaar „Entzweiung“ und „Versöhnung“ – einer Version von „Fall“ und „Erlösung“ – in Gedanken fassen und ihr den Weg weisen zu können.

Die Entzweiungen, etwa von Wissen und Glauben, Intellekt und Leben, die ein wachgewordenes Selbstbewußtsein, hernach eine zersetzende, später instrumentell genannte Vernunft angerichtet hätten, sollten gleichwohl durch die nämliche, aber sozusagen total vernünftig gewordene, später emanzipatorisch genannte Vernunft aufgehoben, „versöhnt“ werden. Die damit gesetzte Selbstbeziehung der Vernunft – erinnernd an den durch Beelzebub auszutreibenden Teufel – beschreibt ein Reflexionsmuster, das die modernen, monadischen Subjekte ins Uferlose zu treiben droht.

Alle bis auf den heutigen Tag metakritisch durchgespielten Programme einer Kritik der Vernunft durch Vernunft, einer sich über sich selbst aufklärenden Aufklärung scheinen so im Bodenlosen, in Aporien sich verlieren zu müssen. Die entfesselte abendländische Rationalität bildet aus sich heraus anscheinend kein Totum und kein Zentrum mehr, an dem sie ihr Genügen, ihren Halt fände. Augenscheinlich hat sich die Moderne zu einem automatisch abschnurrenden sozio-ökonomischen und technologischen Modernisierungsprozeß verselbständigt, der Sachzwängen unterliegt und keines sinnstiftenden Bewußtseins mehr bedarf.

Unter diesen Auspizien haben überwiegend französische Intellektuelle, in Regression freilich auf deutsch-irrationales Gedankengut bei Nietzsche und Heidegger, dem Prinzip Vernunft den Rücken gekehrt und sich von der Veranstaltung der Moderne samt der ihr eingeschriebenen Dialektik der Aufkärung verabschiedet. Sie glauben im Jenseits einer „Nachaufklärung“ oder einer „Posthistoire“ oder „Postmoderne“ Fuß gefaßt zu haben und von hier aus, neukonservativ oder anarchistisch, dem Lauf der Dinge zuschauen zu können. Von diesen postmodernen Neostrukturalisten vor allem hat sich Jürgen Habermas erklärtermaßen zur demonstrativen Fortführung des Programms einer zweiten oder dritten Aufklärung provozieren lassen.