Noch kurz vor seinem Tod konnte Michel Foucault die ersten Reaktionen auf sein neues Werk studieren. Erstaunt registrierten die Kritiker, daß Foucault, die Galionsfigur der französischen Intellektuellen, einen radikalen Bruch vollzogen hatte. Der Geschichtsphilosoph, der in allen seinen Werken die Epoche der Vernunft, der Aufklärung und des Fortschritts als Zeitalter der Vervollkommnung raffinierter Machtstrukturen entlarven wollte, war zurück in die Antike gestiegen. Im zweiten und dritten Band seiner „Geschichte der Sexualität“ widmete sich Foucault ausschließlich den Lebenstechniken der vorchristlichen Zeit und beschrieb Parallelen und prinzipielle Unterschiede zwischen antiker und christlicher Moral. Der Altphilologe Paul Veyne, Foucaults Kollege am College de France jubelte: „Eine Einsteinsche Revolution in der Geschichtsschreibung ... Foucault hat sein bestes Buch geschrieben!“ Und Le Monde rätselte über das „seltsame“ Schicksal von Foucaults „gigantischem Unternehmen, dessen launige Verästelungen ein rastlos bewegtes und unersättliches Denken widerspiegeln“.

Acht Jahre waren vergangen, seitdem der Einleitungsband („Sexualität und Wahrheit“) mit einer provozierenden These Aufsehen erregte. Es sei nicht wahr, behauptete Foucault, daß die Gesellschaft die Sexualität unterdrücke und mit Verboten belege. Vielmehr habe sie sich ihr bedingungslos unterworfen. Beginnend mit den christlichen Beichtvätern bis hin zu den Biologen, Sozialmechanikern und den Psychoanalytikern habe sich der „Diskurs“ entwickelt, der erst die Sexualität auf ihre Begriffe brachte und sexuelle Verhaltensweisen kodifizierte, zwischen „normal“ und „abnorm“ trennte. Vor einem „Sozialismus mit sexuellem Antlitz“, vor der Befreiung zur Unfreiheit warnte Foucault.

Dann schwieg der Strukturalist beharrlich: „Es gibt Momente, wo die Frage, ob man nicht anders denken könnte als man denkt... unerläßlich ist, um mit dem Denken fortzufahren.“

Er hatte sein monumentales Werk auf sechs Bände angelegt. Doch als im Juni 1984 Foucaults Verlag dem Tod des Philosophen und Historikers mit seiner Veröffentlichung nur um wenige Tage zuvorkam, wurde klar, daß der ebenso heftig bewunderte wie umstrittenen Autor mit dem ursprünglichen Konzept seines postsexuellen Manifests gescheitert war. Freunde berichteten, er haben im asketischen, zähen Selbststudium eine ganze Zivilisation nachgelernt. Erst aus dem Studium der Antike, behauptete er nun, werde der Kodex der Neuzeit verständlich: Die Griechen erließen Ratschläge, die helfen sollten, die Sexualität zu meistern. Der Individualismus wurde zur Moral. Sie forderten Mäßigung in allen Lebensbereichen, die den Menschen befreien und zu einem harmonischen Dasein führen sollte. Zwar übernahm das Christentum zahlreiche antike Vorstellungen; doch die philosophischen Erkenntnisse wurden in den Dienst eines moralischen Regimes gestellt.

Nun liegen der zweite und der dritte Band von Foucaults großem Werk endlich auch in deutscher Übersetzung vor. Die „Geschichte des begehrenden Menschen“ blieb allerdings unvollständig. Ein vierter Band, Les Aveux de la chair, erschien 1984 posthum und fragmentarisch. Der Archäologe des Denkens, der nach den unbewußten Strukturen des Wissens und den verborgenen Mechanismen der Macht gesucht hatte, kam nicht mehr dazu, seine Untersuchung der elementarsten Form menschlicher Begierde abzuschließen. J. R.