Von Klaus Pokatzky

West-Berlin

Nein, der Angeklagte will nichts sagen. Der Angeklagte ist auch nicht bereit, sich zur Person zu äußern, und er will auch nicht sagen, ob seine Vornamen Ralf-Axel sich mit Bindestrich schreiben oder nicht. Als "letzten Satz, den ich vor deutschen Gerichten gesagt habe", will der Angeklagte vielmehr gewürdigt wissen, daß "ich seit sechs Jahren mit der deutschen Justiz zu tun habe und mir dauernd das Wort im Munde rumgedreht wird". "Aber ich habe doch gar nicht Axel Ralf zu Ihnen gesagt", mokiert sich der Richter. Er bitte um "Kommunikation". "Wir wollen doch ein Ergebnis erreichen."

Die Verteidigung bittet um "’ne Minute Pause". Angeklagter und Verteidiger verschwinden auf dem Gang, um zu beraten, wie sie es mit der Kommunikation im weiteren Verfahren halten wollen. Der Richter Hagen Hillebrand, Vorsitzender der 10. Großen Strafkammer beim Landgericht Berlin, lehnt sich in seinem Stuhl zurück. Dreißig Zuhörer rutschen auf den Bänken hin und her. Die meisten sind mit ihrem Lehrer da, Schülerinnen und Schüler einer Erzieherschule. Der Richter sieht ins Publikum. Ganz ruhig und beherrscht. Die Zuhörer blicken auf den Richter. Erwartungsvoll.

Er dürfe jetzt, solange Angeklagter und Verteidiger noch draußen seien, natürlich nicht die Verhandlung fortsetzen, sagt der Richter Hillebrand. Aber man sehe eben doch, "das Verhältnis zwischen Justiz und Öffentlichkeit ist oft ein sehr gestörtes". Der Staatsanwalt blickt angestrengt in seine Brillengläser, der Protokollbeamte konzentriert sich auf das Fenster. "Wir wollen es hier ja nicht auf Kinospannung treiben", erzählt Richter Hillebrand, "es geht ja darum, eine sachliche Lösung zu finden."

Bevor der Richter erklären kann, welche Probleme ihm das Verhältnis zwischen Justiz und Öffentlichkeit bereiten, geht gottlob die Saaltür auf, Angeklagter und Verteidigung erscheinen wieder. "Er heißt Ralf-Axel mit Bindestrich", stellt der Verteidiger fest, "ist Berliner und verheiratet." Angestellter, 32 Jahre alt, 1400 Mark im Monat, keine Kinder.

Der Angeklagte beschäftigt in der Tat die Berliner Justiz und diese ihn, und es geht dabei, im weiteren Sinne, um das Verhältnis zwischen Justiz und Öffentlichkeit. Es geht um den Kampf des Ralf-Axel S. gegen die Justiz und den Kampf der Justiz gegen Ralf-Axel S. Es ist nicht die Regel, daß es, bei aller Verkrampfung und Verklemmtheit, die im Saale herrscht, so relativ friedlich zugeht wie unter dem Richter Hagen Hillebrand.