Die literarischen Beziehungen zwischen Deutschland und Polen haben eine uralte gemeinsame Wurzel; sie reicht zurück bis zu den ersten Liedern und Legenden, Chroniken, Lebensbeschreibungen der Heiligen. Die ältesten Eintragungen kamen an die Weichsel aus Deutschland, mitgebracht wahrscheinlich vom Erzbischof Gaudentius ... Gaudentius war der erste polnische Jahrbuchschreiber. Die Kompilationen der aus Deutschland stammenden Jahrbücher zusammen mit der Fortsetzung Gaudentii, das sogenannte Fränkisch-polnische Jahrbuch bilden die Grundlage überaus zahlreicher, in polnischen Kapiteln und Klöstern niedergeschriebener Jahrbücher.

In der Großpolnischen Chronik, einer auf das Jahr 1271 zurückreichenden Legendensammlung, findet sich „unsere schönste mittelalterliche Überlieferung vom tapferen Walter aus Tyniec und der schönen Heligunde“, eine aus dem lateinischen Gedicht des Sankt Galler Mönchs Ekkehard bekannte Geschichte, die „mit dem deutschen Epos von den Nibelungen verwandt, nach Polen drang, um an den Mauern von Tyniec bei Krakau als eine örtliche Überlieferung hängenzubleiben und jahrhundertelang in der Literatur, von den Chronisten im XVI. Jahrhundert beginnend, bis Sienkiewicz, Zeromski und Lange in den letzten Jahrzehnten mannigfaltigen Widerhall zu finden“ (Julian Krzyzanovski).

Die Masse des deutschen Elements in Polen ist leicht zu begründen, denn seit der zweiten Hälfte des XIII. Jahrhunderts sprach das städtische Patriziat deutsch. Diese Sprache wurde an den Fürstenhöfen gesprochen, nicht nur an den schlesischen, auch den kleinpolnischen. Von ihr übernahm das Polnisch eine reiche Terminologie des Handwerks und des Rittertums (rynek, ratusz, budynek, gmach, heim, pancerz, szabla usw.). Westfal führt in seiner Arbeit weitere Beispiele an: mus und musiec (von Muss und müssen); bunt (von Bund), der sich aus seinem ursprünglichen Bündnis im Laufe der Jahrhunderte (wie vieles) in sein Gegenteil gewandelt hat, in das Gegenbündnis, den Aufruhr; bursztyn (von Bernstein), „Na frasunek dobry trunek“ (von fressen und trinken), malarz und malowac (von Maler und malen), szanowac (von schonen, dann schätzen), król (König) von Karl (dem Großen, wie seinerzeit Kaiser von Julius Caesar), szlachta (vom mittelhochdeutschen slahta, (Geschlecht), herb (von Erbe), rycerz (Ritter) federpusz („na nim federpusz ze lwich grzyw wity, powiewne, trzesqc, najezy kity“ – Naruszewicz im XVIII. Jahrhundert noch), dann pióropusz (Federbusch), bawelna (Baumwolle), hetman (Hauptmann), marszalek (marah-skalk, dann Marschall).

Wichtige Bezeichnungen hatte das Magdeburger Recht nach Polen getragen: Burmistrz (Bürgermeister), rynek (Ring), dach (Dach), szyba (Scheibe), ganek (Gang), sztuba, sztubaki (Stube), sztuka (Stück), rada (Rat), zdrada (Verrat), zegar (aus dem mittelalterlichen deutschen Seiger – für Uhr), weta (Wette) und den polnischen Suffix -unek aus dem deutschen -ung (rysztunek = Rüstung, ladunek = Ladung, werbunek = Werbung, meldunek = Meldung).

Durch den Osthandel und die Besiedlung des Ostens flossen wiederum dem Deutsch einige Lehnwörter aus dem Polnischen (oder überhaupt Slawischen) zu, wie Pflug (plug), Jauche (jucha), Quark (twaróg), Graupe (krupa), Gurke (ogórek), Peitsche (bicz), Knute (knut), Grenze (granica), die anstelle der älteren Mark im 13. Jahrhundert auftaucht und durch Luther endgültig durchgesetzt wird, dann einige Fisch- und Vogelnamen, wie Stieglitz (szczygiel), Zeisig (czyzyk), Zander (sandacz), Plötze (plocica), Karausche (karaś), woran man die Austauschgüter und Berührungspunkte des damaligen Ost-West-Verkehrs ablesen kann.

Es war der Anfang einer Entwicklung, über die der polnische Sprachforscher Korbut berichtet: Von hundert Wörtern der Umgangssprache seien sechzehn deutscher Herkunft. Es habe keine Sprache einen so großen Einfluß auf das Polnische ausgeübt wie die deutsche.

Dieser Tatbestand erklärt sich daraus, daß das Deutsch, die Sprache der europäischen Mitte, im Mittelalter zur Sprache der Mittlerschaft geworden war. Sie hatte geholfen, das Christentum, die Kenntnis des Altertums, die katholische Theologie, dann die Gedanken der Reformation, danach die Aufklärung von West nach Ost zu tragen, andererseits die Kultur des Ostens dem Westen zu erschließen. „Die Namen verschiedener Prediger, Polen und Deutscher, eingetragen in den Akten oder Chroniken, zeugen“ davon, daß Vertreter beider Nationen gemeinsam und „reichlich aus der Schatzkammer, die einen eminent internationalen Charakter hatte“, geschöpft haben.