Michail Gorbatschow hat seinen Rückhalt in der Führung beträchtlich verstärkt

Von Christian Schmidt-Häuer

Moskau, im März

Nur ein paar Steinwürfe weit vom Kremlpalast, wo die Delegierten zum Abschluß des 27. Parteitags mit viel Pathos die Internationale sangen, steht in einem Hinterhof ein großer Käfig. Er hat die Grundfläche eines Zweifamilien-Hauses und besteht aus einer Holzwand bis in Hüfthöhe, auf die ein übermannshoher Drahtzaun montiert ist. Im Winter dient er als Eishockeyfeld, im Sommer als Fußballplatz für die jugendlichen Anwohner. Sie haben an die Holzwand in kyrillischer Schrift die Namen führender Sportvereine geschrieben: "Torpedo", "Dynamo", "ZSKA". Daneben und dazwischen steht in großen lateinischen Buchstaben: "Ford", "Dunhill", "New York", "Saab", "Video", "Nikon": Bandenwerbung für westliche Produkte, um dem Hinterhofspiel in der Phantasie die Kulisse internationaler Pokalwettbewerbe zu geben.

Seit Dienstag dieser Woche ist Michail Gorbatschow ein Jahr im Amt. Seitdem hat er mit ständigem Dampf erste Voraussetzungen zu schaffen versucht, um den Drang der Bevölkerung nach Konsum in Energie umzusetzen.

  • Um in das Sowjetsystem, von der Spitze angefangen, Elemente einer Leistungsgesellschaft einzuführen, hat er die größten Umbesetzungen seit Stalins blutigen Säuberungen betrieben – ohne im Lande eine Atmosphäre der Hexenjagd zu verbreiten. Wie Chruschtschow vor genau 30 Jahren (auf dem 20. Parteitag) Stalin verdammte und das System pries, wie Breschnjew zehn Jahre später (beim 23. Parteitag) Chruschtschow die Alleinschuld gab, so hat Gorbatschow wiederum Breschnjew verantwortlich gemacht. Aber er ist auch darüber hinausgegangen. Zum ersten Mal hat ein Generalsekretär die Struktur der obersten Parteiorgane kritisieren, die Mitschuld der gesamten Führung an der Misere ansprechen, die Privilegien der Nomenklatura attackieren lassen. Dabei hat Gorbatschow Widerspruch geerntet.

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