Apalliker: Was soll mit den Menschen geschehen, die im "wachen Koma" dahinvegetieren?

Von Charlotte Keiner

Sie wollte nicht mehr leben. Im Winter 1983 versuchte sich Cornelia G.* zu erhängen. Der Notarzt leitete – wie es seine Pflicht war – Wiederbelebungsversuche ein. Die 27jährige Frau kam auf die Intensivstation der örtlichen Universitätsklinik und wurde dort künstlich beatmet. Ihre ältere Schwester, Hannelore Z., erinnert sich an die Besuche auf der Intensivstation: "Wenn eine Blinklampe anzeigte, daß sie spontan atmete, fanden wir das ganz toll." Frau Z. verzieht schmerzhaft die Mundwinkel, so, als lächle sie über ihre damalige Ahnungslosigkeit. Als nach dreieinhalb Wochen die Beatmungsgeräte abgestellt werden konnten, klärte ein Arzt die Familie auf: Höhere Hirnleistungen seien nicht mehr vorhanden. Seit nunmehr zwei Jahren gilt Cornelia G. als apallisch. Sie lebt und ist doch tot.

Der fast lyrische Ausdruck apallisch kommt aus dem Lateinischen und bedeutet "ohne (Hirn-) Mantel". Der amerikanische Ausdruck "persistent vegetative state" beschreibt den Zustand klarer und härter: Es ist ein Dahinvegetieren. Der Cortex, die stark gefurchte und gefaltete Großhirnrinde, die sich über den Hirnstamm wölbt, funktioniert bei Cornelia G. nicht mehr, ist zerstört. Diese 14 Milliarden Nervenzellen kann bereits eine wenige Minuten dauernde Unterbrechung der Sauerstoffversorgung dauerhaft schädigen. Sie sind der Sitz all dessen, was eine Persönlichkeit ausmacht. Ohne diese grauen Zellen verwandelt sich der Mensch zu einem Hirnstammwesen.

Den auch "waches Koma" genannten Zustand beschrieb der Arzt W. Rosenblath erstmals im Jahre 1899. Sein Patient war der 15jährige Seiltänzer A. Geissler, der "bei einer Vorstellung aus etwa Zimmerhöhe" abgestürzt und "auf gepflasterten Boden" gefallen war, 245 Tage nach dem Unfall starb der Akrobat. Die Bezeichnung "apallisches Syndrom" führte der Psychiater Ernst Kretschmer 1940 ein. Er lieferte folgende Beschreibung: "Der Patient liegt wach da mit offenen Augen. Der Blick starrt geradeaus und gleitet ohne Fixationspunkt verständnislos hin und her. Auch der Versuch, die Aufmerksamkeit hinzulenken, gelingt nicht oder höchstens spurenweise ... Es fehlt manchmal auch das reflektorische Rückgehen in die ... optimale Ruhestellung, mit dem der Gesunde zufällige, nicht mehr gebrauchte und unbequeme Körperstellungen zu beenden pflegt... Trotz Wachsein ist der Patient unfähig zu sprechen, zu erkennen, sinnvolle Handlungen erlernter Art durchzuführen. Dagegen sind bestimmte vegetative Elementarfunktionen wie etwa

* Namen sind der Redaktion bekannt

das Schlucken erhalten. Daneben treten die bekannten, frühen Tiefenreflexe, wie Saugreflex, Greifreflex hervor."