Zugegeben, diese Gegend Norwegens ist etwas für Schneefetischisten, Windbeutel, Eisprinzessinnen, Leistungsfanatiker und Masochisten.

Doch allein die mühelose Fahrt auf der Europastraße 6 durchs weite, verschneite Gudbrandsdal am zugefrorenen, mit einem glattgespannten Schneelaken bedeckten Mjesasee entlang, ist ein Vergnügen. Wir haben Glück. Die uralte Ringsaker-Kirche am Ende des langen Sees ist geöffnet. Zwar gehört sie nicht zu den berühmten Stabkirchen, aber mit ihrem gedrungenen, beschützenden Innenraum, den dicken romanischen Säulen, die das Tonnengewölbe stützen, der goldprunkenden Kanzel und dem himmelblauen Gestühl ist sie ein Juwel mittelalterlich-nordischen Kirchenbaus. Im kleinen, viereckigen Chor steht ihr größter Schatz, ein flämischer Schnitzaltar aus dem Jahr 1542, den der letzte katholische Pfarrer, der auch der erste lutherische Pfarrer von Ringsaker wurde, seiner Gemeinde schenkte.

Durchs breite Tal des Lagen hinter Lillehammer, vorbei an Wegweisern zu den Hotels oben auf dem Fjell, verengt sich das Tal hinter Vinstra zu granitener Wildheit. Verwitterte Blockhäuser drängen an die Straße, bilden winzige Ortschaften. Ochsenblutrot leuchten die Scheunen behäbiger Höfe von den Berghängen: Peer Gynts Heimat. Die Rondane-Berge tauchen verheißungsvoll in der Ferne auf, eingefriedet in der Wildnis des Rondane-Nationalparks. Sie sind unser Ziel.

Am Rand des Parks liegt Høvringen, ehemals eine weit verstreute Almsiedlung, tausend Meter hoch, unendliches, forderndes Tourengebiet mit Loipen, Loipen, Loipen. Die mutigsten und tüchtigsten Tourenläufer wagen sich auch ohne Spur, lediglich mit Kompaß und Karte, Proviant, Ersatzkleidung, Styroporplatten und Schippe ausgerüstet, in die Unwirtlichkeit und totale Einsamkeit des Hochgebirges. Und sie wissen natürlich, wie man eine Schneehöhle baut, in der man einen unerwartet heranbrausenden Schneesturm oder eine eisige Nacht bei 20 bis 25 Grad Kälte lebend übersteht.

Der blondlockige junge Wikingerhüne vom norwegischen Roten Kreuz kennt sich aus. Zwischen Schneemauern und Krüppelbirken instruiert er seine auf Schneebänken hockende, buntgemischte Gemeinde, vom Baby im Schalenschlitten bis zum munteren Greis, wie und wo man sich in Notsituationen eingräbt. Zu unserer Enttäuschung geschieht das nur theoretisch, – doch die Einladung, in der bereits gebauten Höhle zu übernachten, ist herzlich und ehrlich gemeint. Wir lehnen dennoch ab. Unsere Tischgenossen aus Oslo haben derlei Abenteuer bereits bestanden. Sie lieben die windzerzauste, baumlose Hochebene und ihre eisigen Bergmajestäten wegen der ungezählten Möglichkeiten des Tourenlaufens und Skiwanderns in alle Himmelsrichtungen. Die junge Dame preist ihre norwegische Heimat als Refugium ungezähmter, unzerstörter Landschaft, die sie gegen keine noch so paradiesische Weltgegend eintauschen würde. „Wer einmal hier war, kommt immer wieder“, sagt ihr Vater. Er ist zum zwölftenmal in Haukliseter, kennt die Gegend wie seine Westentasche und lächelt über Windstärken und Eiseskälte. Die stetige Wiederkehr der meisten Gäste, die sich seit Jahren kennen, gibt ihm recht.

Im Speisesaal der behaglichen Fjellstue, einer Art Berghütte, geht es ungezwungen und heiter zu. Wir sind die einzigen Deutschen unter Norwegern, Schweden, Dänen und Holländern. Die Kommunikation beschränkt sich weitgehend auf fragmentarisches Englisch und Deutsch mit verbindlichem Lächeln. Unsere Tischgenossen wohnen im modernen Teil des Berggasthofs, der auf der Höhe thront, aber auch sie haben so klein angefangen wie wir, ohne eigene Dusche und WC im alten Holzhaus mit winzigen Zimmern, einfachen Spinden und schmalen Betten. Doch wiegt die windumtoste, warme Gemütlichkeit unseres Zimmers mit dem sanft geschwungenen Doppelgipfel des Hausberges Jena im Fensterrahmen den Mangel an Komfort auf. Wer an Ostern, wenn die Lanaeskinder unterwegs sind, nach Norwegen reist, ohne lange vorher gebucht zu haben, muß nehmen, was sich noch bietet und womit die Norweger selbst ja auch zufrieden sind.

Wie wird das Wetter? Bei Sonnenschein sind wir angekommen. Aber heute morgen stürmt es eisig: minus 12 Grad. Vom Fenster aus sehe ich einige Wahnsinnige, bis zur Unkenntlichkeit vermummt, das schützende Haus verlassen. Sicher ist unsere norwegische Heldenfamilie dabei. Auch meinen Begleiter hält es nicht mehr. Nach vier Stunden kommt er total kaputt, rot- und blaugefroren, jedoch hochbefriedigt zurück.