Sie wurde 98 Jahre alt, und eigentlich hätte sie auch 100 werden können oder älter, in der flirrenden Sonne als eine jener beinernen Urformen verharrend, die sie selber so oft malte und imaginierte, für ewig in die endlos weite Landschaft Neu-Mexikos eingehend, die sie so liebte. Geboren wurde Georgia O’Keefe 1888 als Tochter eines Farmers. Aber ungeheuer energisch ging sie schon in jungen Jahren auf ihr Ziel, Künstlerin zu werden, zu: Sie studierte ab 1905 am "Art Institute of Chicago", dann an der "Art Students League" in New York, arbeitete als Illustratorin und Graphikerin, schließlich als Lehrerin, um dann an der Columbia University in New York weiterzustudieren. Als 1916, ganz gegen ihren Willen, ihre Arbeiten dem Photographen und Besitzer der berühmten Avantgarde-Galerie "291" Alfred Stieglitz gezeigt wurden, nahm ihr Leben die entscheidende Wendung.

Stieglitz war begeistert von den zarten Abstraktionen und der streng wirkenden jungen Frau. In 25 Jahren hat er von ihr, die 1924 seine Ehefrau wurde, über 500 Photos gemacht, hat über die Jahre hinweg ihr Porträt zusammengesetzt, geschichtet, wachsen lassen, auch in die Reduktion des Alters hinein. Im Jahr 1949, drei Jahre nach Stieglitz’ Tod, zog Georgia O’Keefe ganz nach Neu-Mexiko, wo sie seit 1929 schon immer einen Teil des Jahres verbracht hatte. Aus dieser Landschaft, die nicht von Menschen und ihren Bauten zugestellt ist, stammen ihre aus ausgebleichten Farbschleiern und organischen Formen gefügten Bilder und Aquarelle. In ihre Mischung aus Sentiment und Distanz sind Georgia O’Keefes halbabstrakte, kühle Hymnen an die Natur eine sehr amerikanische Form des Romantizismus. Die Künstlerin, die im Alter von 84 Jahren noch einen jungen Künstlergefährten in ihrer Lebenslandschaft unterzubringen wußte, starb am 6. März in Santa Fé, Neu-Mexiko. Petra Kipphoff