Die Tauben sind auch längst nicht mehr, was sie einmal waren. Vorbei die Zeiten, da sie fremdländisch Fernweh suggerierend als einsame Paloma über der wogenden See hintrieben.

Die vormals freundlichen Single-Vögel sind frech geworden, machen heutzutage hauptsächlich marmornen Dichterfürsten hinterrücks aufs Haupt und allerlei Denkmälern aufs historische Dach. Obendrein schwirren die Viecher in stetig wachsenden Scharen durch die Lüfte, am liebsten durch die stickigen der Städte. Ätzend, was diese Invasoren allenthalben anrichten auf gotischen Türmen wie Barock-Balustraden.

Nicht minder ätzend freilich ist die Methode, mit denen mancherorts die Stadtväter den Plagegeistern zu Leibe rücken: Vom Taubenvergiften im Park hat man nicht nur im Lied gehört. Auch mit Anti-Baby-Pillen versucht man, der grassierenden Vogelvermehrung Einhalt zu gebieten, mäßig erfolgreich, wie man hört – denn darauf ist eben kein Verlaß, daß Tauben auch regelmäßig den Turtel-Schutz verspeisen. Eine dritte Variante schließlich bildet das Experiment, die gefiederten Hausbesetzer mit Ultraschall vom Gemäuer zu vertreiben.

Aber auch dies scheint längst noch nicht der Weisheit letzter Schluß zu sein. Deren jüngsten hat nämlich jetzt die Kurstadt Baden-Baden in einer Pressemitteilung kundgetan. Nicht Schall noch Säuren sollen den ortsansässigen Tauben den Garaus machen, im Gegenteil: Die sollen sich sogar noch vermehren. Friedliche Fortpflanzung, hat das Gartenamt mit Tierschützern und Taubenexperten ausgebrütet, soll den Vögeln gegönnt sein, fortan freilich fern von Trinkhalle und Kirchturm. Damit die „Balz“ denn auch in aller Ruhe ihren Lauf nehmen kann, wurden bereits zwei große Taubenhäuser mit jeweils 50 Nistplätzen gebaut, zwei Locktaubenpaare sollen die anderen zum Umzug animieren.

Das wird ein Gelege werden: Eine Paloma brütet pro Frühling gut und gerne drei Eier aus. Nächstes Jahr werden demnach mindestens 150 weitere Nester nötig. Wäre es da nicht lohnender, gleich Kurhaus oder Spielcasino zum schnellen Brüter umzumodeln? iso