Von Hans Jakob Ginsburg

Düsseldorf, im März

Die CDU – diesen Eindruck erwecken die Reden ihrer Parteifreunde – hat für die eigene Geschichte ein gutes Gedächtnis. Vor dem Fusionsparteitag der rheinischen und westfälischen Landesverbände erinnerte Helmut Kohl an das Werk der politischen Vorläufer, die vor ziemlich genau 40 Jahren im sauerländischen Neheim-Hüsten – dort trafen sich die CDU-Gründer aus der britischen Zone – ihre junge Partei auf bürgerlichen Kurs brachten und den Führungsanspruch Konrad Adenauers anerkannten. In der Sprache des gegenwärtigen Kanzlers war das eine Kampfansage an "den törichten Kulturpessimismus, der immer weniger Lebensgrundlagen unseres Volkes bejaht". Kurt Biedenkopf, der Kohl zu dem historischen Exkurs angeregt hatte, erzählte den 600 Delegierten von den Plackereien der 23 Gründungsväter und -mütter, die per Anhalter oder zu Fuß durch das zerstörte Deutschland von 1946 zum Versammlungsort reisten.

Diese Partei, so mochte es jetzt scheinen, hat zugleich ein schlechtes Gedächtnis für die eigene allerjüngste Vergangenheit. Über 90 Prozent der Delegierten wählten Kurt Biedenkopf zum ersten Chef des neuen Landesverbandes, der über ein Drittel der Mitglieder der CDU vereint und mehr Abgeordnete in den Bundestag entsendet als die bayerische CSU. Die Vereinigung ist die Konsequenz aus dem Wahldebakel vom 12. Mai 1985, den kläglichen 36,5 Prozent Wählerstimmen für die CDU bei der letzten Landtagswahl. Kurt Biedenkopf soll die Partei zu neuen Siegen führen.

Kurt Biedenkopf? Noch kein Jahr ist es her, daß ein anonymer, aber viel zitierter innerparteilicher Ratgeber dem gescheiterten Spitzenkandidaten Bernhard Worms empfahl, den "Störfaktor" Biedenkopf zu eliminieren: Der oft als Querdenker gerühmte Professor erschien damals vielen Christdemokraten nur noch als Quertreiber. Kaum drei Jahre liegt der Sturz Kurt Biedenkopfs als nordrhein-westfälischer Spitzenkandidat seiner Partei zurück; weniger als ein Jahrzehnt sein Abschied aus Bonn, wo er in Unfrieden mit dem Parteivorsitzenden Kohl sein Amt als CDU-Generalsekretär quittierte: ein anscheinend unpolitischer Politiker, klug in der Sache, aber ungeschickt im Umgang mit Menschen, eine fremdartige Gestalt gerade unter den Christdemokraten an Rhein und Ruhr, denen gemütliche Kungelei allemal lieber war als begriffliche Schärfe.

An dieser Vorliebe hat sich nichts geändert. Der Fusionsparteitag, genau wie die letzten Parteitage der Rheinländer und der Westfalen vor wenigen Monaten, scheute die Kontroverse. Die große Umwandlung der Parteiorganisation – da werden Geschäftsstellen zusammengelegt, neue Bezirke gebildet, Delegiertenzahlen ausgehandelt, Pfründen beseitigt und anderswo neu geschaffen – wurde hinter verschlossenen Türen ausgehandelt.

Hätte es nicht diesen Fusionsprozeß gegeben, wären viele nordrhein-westfälische Christdemokraten nach der Wahlschlappe vielleicht auf den Gedanken gekommen, ihren Ärger im Streit um Inhalte abzureagieren; so aber verbrauchte die Neuorganisation viele Energien – gut für das äußere Bild der Partei an Rhein und Ruhr, gut auch für Kurt Biedenkopf: Der nämlich hatte aus den Niederlagen der vergangenen Jahre viel gelernt, vor allem eine andere Art des Umgangs mit den Parteifreunden. Bei der Vorbereitung der Fusion nahm er Rücksicht auf die Interessen, Eitelkeiten und Ambitionen der Funktionäre, bei öffentlichen Auftritten unterdrückte er jeden Anschein intellektueller Überheblichkeit. Dieter Pützhofen, der Krefelder Oberbürgermeister, der als letzter den Wiederaufstieg Biedenkopfs zu bremsen versucht hatte, erschien da nur noch als ein überforscher, ehrgeiziger Einzelgänger.