Die analytische Reduktion ist die erfolgreichste Forschungsstrategie, die je ersonnen wurde. Ihr verdanken wir Wissenschaft und Technik. Reduktionismus bedeutet die Überzeugung, daß ein Ganzes sich (im mathematischen Sinne) als Funktion seiner Teile darstellen läßt.

Dies ist himmelweit entfernt von der üblichen Karikatur, die gewisse Naturphilosophen beinahe zwanghaft vom Reduktionismus zeichnen, aber nicht nur sie, sondern auch wirkliche Philosophen, denen aus unklaren psychischen Gründen die Idee der Analyse schlechthin unsympathisch ist. Es gibt sogar einige, die es überhaupt ablehnen, eine Erscheinung oder einen Sachverhalt dem Dahindämmern in einem als vertraut und unbedrohlich empfundenen Dunkel des Unbegriffenseins zu entreißen und aufzuklären. Ihre karikaturhafte Verzeichnung des Reduktionismus steckt zugespitzt in der Äußerung, Reduktionisten, Mechanisten und sonstige philosophische Übeltäter betrachteten das Ganze als „eine bloße Summe seiner Teile“.

Natürlich ist die Summation eine vollkommen seriöse funktionale Beziehung, die zwischen Teilen durchaus bestehen kann und in einigen Fällen eine vollständige Beschreibung ergibt: Die Masse eines Ganzen ist zum Beispiel die Summe der Massen seiner Bestandteile, und der osmotische Druck eines gelösten Stoffes ist eine Funktion der Anzahl der Ionen und Moleküle in der Lösung. Nicht einmal ein Holist – das Gegenteil eines Reduktionisten – würde behaupten, ein zusammengesetzten Körper habe im Unterschied zu seiner „bloßen“ Masse eine „wahre“ Masse, die mehr sei als die Summe der Massen seiner Teile.

In der Biologie lassen sich nur sehr wenige Eigenschaften zusammengesetzter Systeme als bloß additive Funktionen der Eigenschaften von Teilen darstellen, und diejenigen, die sich so darstellen lassen, sind nicht sonderlich interessant. Die zwischen den Teilen bestehenden funktionalen Beziehungen, die zum Zwecke einer vollständigen Beschreibung ermittelt werden müssen, sind außerordentlich komplex, und entsprechend mühsam ist es, sie zu klären. Das ganze Unternehmen ist in der Tat so mühselig und langwierig, daß es bisweilen als ein allzu ehrgeiziges Vorhaben erscheint.

John Stuart Mill schrieb über die Soziologie: „Die Gesetze der gesellschaftlichen Phänomene sind und können nichts anderes sein als die Gesetze des Tuns und Leidens menschlicher Wesen, die durch den gesellschaftlichen Zustand miteinander verbunden sind ... Menschliche Wesen in der Gesellschaft besitzen keine anderen Eigenschaften als jene, die von den Gesetz zen der Natur des individuellen Menschen herstammen und sich in diese auflösen lassen.“

Durch eine schlichte Paraphrase bringt man diese Äußerung in jene Form, die früher bei „organismischen“ Biologen unnötigerweise soviel Bestürzung und Widerwillen auslöste: „Die Gesetze der Eigenschaften und Leistungen lebender Organismen sind und können nichts anderes sein als die Gesetze der Leistungen lebender Zellen, die zu dem für lebende Organismen charakteristischen Zustand zusammengefaßt sind. Lebende Organismen besitzen keine anderen Eigenschaften als jene, die von den Eigenschaften individueller Zellen herstammen und sich in diese auflösen lassen.“

Das Prinzip der Reduzierbarkeit ließe sich selbstverständlich auch eine oder zwei Stufen tiefer in der Hierarchie anwenden, denn Zellen lassen sich in Moleküle auflösen, und was über Organismen im Verhältnis zu Zellen gesagt wurde, könnte auch über Zellen gesagt werden; schließlich könnten auch Moleküle in die Atome aufgelöst werden, aus denen sie bestehen, und diese wiederum in Elementarteilchen.