Barmer Ersatzkanzler Die „titanic“ über Johannes Rau

Helmut Thielicke

Da kam wirklich nur einer in Frage, als die nach dem ersten Weltkrieg gegründete Universität Hamburg zu guter Letzt im Jahre 1954 auch noch eine Evangelische Theologische Fakultät anbaute und nach einem glanzvollen Gründungsdekan Ausschau hielt: Helmut Thielicke. Dem Ordinarius für systematische Theologie war zu diesem Zeitpunkt in der stillen Gelehrtenprovinz von Tübingen fast Unmögliches gelungen. Er hatte, ein deutscher Professor, die nicht eben eingängigen Themen Theologie und Kirche derart gemeinverständlich angepackt, daß selbst „die Gebildeten unter den Verächtern der Religion“ Thielickes Einlassungen zu Fragen des Tages wie Leitartikel zu sich nahmen. Auch die 3000 Plätze in Hamburgs größter Kirche, dem „Michel“, waren dem Andrang auf Jahre nicht gewachsen. Der hochgewachsene, schon damals im tiefsten Winter stets gut gebräunte Geistliche mit der gewählt-saloppen Rhetorik war, längst ehe der Begriff erfunden wurde, ein Medienereignis. „Das Mikrophon“, so sagte er gelegentlich, „kann zur Zuchtrute Gottes werden.“ Niemand hat sie in dem Vierteljahrhundert nach 1945 kunstvoller und kurzweiliger geschwungen als Thielicke.

Die Nazis hatten das singuläre Talent früh erkannt und mundtot gemacht. Danach gab es für den 1908 in Barmen Geborenen kein Halten mehr. Nichts, was Wochenschau und Zeitungsseiten dominierte, entging ihm, ob der Rennabbruch nach der Katastrophe von Le Mans, ob Uwe Seelers Beinahe-Transfer nach Italien des schnöden Mammons halber, ob die „artifizielle Insemination extra corpore“. Gottes Wort hatte mit der Welt zu tun, also gab es nichts Weltliches, an dem er nicht Gottes Wort exemplifizierte. Auf 3000 Seiten brachte er eine protestantische Ethik zu Papier, die vier Bände erscheinen bereits in fünfter Auflage.

Thielickes moderate Liberalität leuchtete auf dem Hintergrund der Adenauer-Republik. Zum 17. Juni 1962 attestierte der allmählich zum „Präzeptor Germaniae“ Hochgelobte der Jugend noch, daß sie es den Großen einfach nicht abnehme, „wenn sie plötzlich bei feierlichen Anlässen ihre Routinephrasen“ ablassen. 1967, beim Rektoratswechsel im Hamburger Audimax, trugen Studenten auch ihm das Schild voran: „Unter den Talaren, der Muff von 1000 Jahren.“ Fixiert auf angebliche Parallelen zwischen 1933 und 1968 und selber Ziel rücksichtsloser Attacken, wurde Thielicke zunehmend Opfer seiner unpräzisen Analogie.

Er war ein Unikat. Die kennen weder Nachfolger, noch, was Thielicke recht sein darf, Epigonen.

Museum zum Nulltarif?

Stuttgart gönnt sich einen neuen Kulturbau: Die Liebe der Schwaben zur Kunst scheint neuerdings so grenzenlos wie ihr Hang zur Sparsamkeit. An der Nahtstelle zwischen dem Großen und dem Kleinen Schloßplatz im Herzen der Landeshauptstadt soll ein Museum entstehen – Platz für die Städtische Galerie und für große Wanderausstellungen. Kurios ist das Finanzierungsmodell. Die Stadt stellt den Bauplatz, zwei Banken finanzieren den Bau, allerdings nicht ganz ohne eigennützige Gedanken: Eines der Geldinstitute besteht auf deutlicher Präsenz an der Platzfront. Das neue Haus würde damit zu einem kombinierten Bank- und Museumsgebäude. Für diesen Zwitter wurde 1985 ein Wettbewerb ausgeschrieben – mit schwachem Ergebnis. Die Architekten wurden zur Bearbeitung ihrer Entwürfe aufgefordert; am 15. März tagt das Preisgericht ein zweitesmal und hofft auf brillante Lösungen. Ob der „große Wurf“ gelingt, ist allerdings fraglich. Die wesentlichen Vorgaben wurden nicht verändert, und für neue Entwürfe war die Zeit zu knapp. Das Museum zum Nulltarif könnte die Stuttgarter Kulturpolitiker also mehr kosten als nur Geld: Eine verpaßte Chance jenes Image, das Stuttgart mit Stirlings Neuer Staatsgalerie erst gerade gewonnen hat; den Respekt, weil man einem geschenkten Gaul nicht rechtzeitig ins Maul geschaut hat.