/ Von Thomas Walde

Fs ist damit zu rechnen“ – so im Jahr 1971 der legendäre Geheimdienstchef und General Reinhard Gehlen – „daß in Kürze unter Felfes Namen Memoiren erscheinen werden, für die das sowjetische KGB Material freigegeben hat. In Kenntnis aller Zusammenhänge und Hintergründe habe ich indes Anlaß zu der Ansicht, daß reife nicht so erfolgreich gearbeitet hat, wie seine Auftraggeber erwartet haben und wie es nach seinem geplanten Buch den Anschein haben wird.“

Aber Gehlen irrte wieder einmal. Die Memoiren des Heinz Felfe erscheinen 15 Jahre nach der Fehlprognose, und ihr Anschein trügt nicht. Es ist die Bilanz einer Agentenkarriere, die ihresgleichen sucht in der deutschen Zeitgeschichte: vom Hilfskriminalkommissar und SS-Untersturmführer zum Referatsleiter im Reichssicherheitshauptamt – Auftrag: Spionage gegen die Schweiz; als „entlastet“ aus britischer Kriegsgefangenschaft entlassen und fortan als Nachrichtenbeschaffer unterwegs, mal für britische oder niederländische Geheimdienstler, mal für deutsche Polizisten, Verfassungsschützer oder das Ministerium für Gesamtdeutsche Fragen, mal für Zeitungsredaktionen im Rheinland oder den Berliner Rundfunk; dann die große doppelte Volte: Verpflichtung als Kundschafter für den sowjetischen Geheimdienst und gleich darauf Dienstantritt bei der Organisation Gehlen – Auftrag: Spionage gegen die Sowjetunion.

Zehn Jahre nutzte Felfe diesen Auftrag als Tarnung für seine Spionage gegen den Westen – bis zur Enttarnung 1961. Er wurde zur Höchststrafe von 15 Jahren Haft verurteilt, aber 1969 vorzeitig ausgetauscht. In der DDR rundete Felfe seinen Slalom durch die Zeitgeschichte ab: erst mit einer Doktorarbeit und durch einen Lehrauftrag als Professor für Kriminalistik – nun mit seinen Memoiren. Wie ehrlich diese Lebensbeichte tatsächlich geraten ist, das werden Geheimdienstler, Zeitgeschichtler, Rezensenten mit und Kritiker ohne Beziehungen zu Felfes einstigem Dienstherrn, dem Bundesnachrichtendienst (BND), demnächst auszukämpfen haben, und schrille Warnungen von „Verrat“ bis „Desinformation“ werden diesen Streit beherrschen.

Daß der Hamburger Verlag Rasch und Röhring, unbeirrt von dem zu erwartenden Feldgeschrei der publizistischen Hilfstruppen Pullachs, Felfes Buch herausgebracht hat, ist ihm zu danken. Immerhin erfahren wir interessierte Zeitgenossen wenigstens 1986 so einiges von Innenleben und Außenwirkung der Organisation Gehlen und des späteren BND. Die Sowjets durften es dank Felfe schließlich schon in den fünfziger Jahren erfahren. Den Bundesbürgern mochten BND, Bundesanwaltschaft und die Richter des Bundesgerichtshofes die ganze Wahrheit noch nicht einmal im Felfe-Prozeß 1963 zutrauen – die Öffentlichkeit blieb meist ausgeschlossen. Nach der Memoirenlektüre ahnt man heute warum.

In zwei Büchern wurde bisher der Fall Felfe halbwegs zuverlässig beschrieben: in „Pullach intern“ der Spiegel-Redakteure Heinz Höhne und Hermann Zolling und in „Gehlen – Spy of the Century“ des Briten E. H. Cookridge. Und dann gab es zwei Versuche, den Fall in einem Wust von Desinformation gut zu vergraben: den einen leistete BND-Chef Gehlen höchstselbst mit seinen zwischen Selbsttäuschung und Lüge angesiedelten Lebenserinnerungen „Der Dienst“. Der zweite Versuch kam nie richtig an die Öffentlichkeit – leider, denn er ist ein Paradebeispiel für Pullacher Desinformationskünste.

Nur kurz nach Felfes Austausch ließ der BND für den ihm nicht eben fernstehenden Mainzer Verlag v. Hase & Köhler das Manuskript „Moskau ruft Heinz Felfe“ in Satz geben. Auf den Markt kam diese obskure Mischung aus Fakten und Fiktion nie, allenfalls auf die Schreibtische einiger BND-gewogener Journalisten, und von dort aus entfaltete sie dann subkutan ihre Wirkung. Kein Wunder denn, daß Felfe in seinen Memoiren auch immer wieder auf jene Grauzone im Geschäft mit Nachrichten zu sprechen kommt, in der Journalisten und Geheimdienstler verdeckt kollaborieren.