Von Klaus Schüz

Fast auf den Tag genau zum hundertsten Geburtstag des großen Physikers Niels Bohr erschien Anfang Oktober

Carl Friedrich von Weizsäcker: „Aufbau der Physik“. Carl Hanser Verlag, München/Wien, 1985; 664 S., 48,– DM.

So wie zeitlebens Niels Bohr die Reichweite physikalischer Erkenntnis auf dasjenige beschränkt sah, was ein endliches Bewußtsein mit der objektivierenden Methode erfassen und damit wissen kann, stellt auch Weizsäcker die Physik ausschließlich als eine Wissenschaft unseres Wissens von Materie dar. Diese Deutung richtet sich gegen die klassische Vorstellung, Physik beschreibe die objektive Wirklichkeit so, wie sie unabhängig von einem Beobachter an sich besteht, und nähere sich mit Verbesserung ihres Theoriengebäudes immer mehr der absoluten Wahrheit an.

Ist der naturphilosophische Entwurf in Carl Friedrich von Weizsäckers neuem Buch eine konsequente Weiterführung seines bisherigen Werkes? Liegt nun mit dem hier gebotenen Ertrag aus drei Jahrzehnten Denk- und Forschungsarbeit die lang angekündigte Zusammenschau seiner physikalischen Theorie vor? Bedeutet sein „Aufbau der Physik“ einen wichtigen Schritt für die von ihm intendierte vernünftige Erfassung des einheitlichen Weltganzen? Weizsäckers erstmals „als einheitlich durchgehender Gedankengang“ entworfenes Buch gliedert sich in drei Teile: I. „Zeit und Wahrscheinlichkeit“; II. „Die Einheit der Physik“, III. „Zur Deutung der Physik“.

Der erste Teil untersucht die Bedingungen, unter denen physikalische Erfahrung überhaupt erst möglich ist und von denen her der Autor den gesamten Aufbau der Physik zu vollziehen beabsichtigt. Dies geschieht zunächst in einer philosophisch-erkenntnistheoretischen Analyse des Erfahrungsbegriffes, auf den sich ja alle physikalischen Theorien beziehen müssen. Für den Physiker ist Erfahrung ein Lernen aus der Vergangenheit für die Zukunft. Daß Erfahrung möglich ist, setzt also schon den qualitativen Unterschied zwischen Vergangenheit und Zukunft voraus, das heißt eine spezifische Struktur der Zeit. Da strenggenommen nichts in der Welt wiederkehrt, alle Ereignisse also irreversibel sind, ist die menschliche Erfahrung auf die Faktizität der Vergangenheit angewiesen, wenn sie auf die Möglichkeiten der Zukunft schließen will. Die Zeit ist also für Weizsäcker das grundlegende Phänomen für jegliches Wissen, das ein endliches Subjekt vom Wirklichen haben kann, und ist insbesondere für die objektivierende Erkenntnis der gesamten Physik konstitutiv.

Tatsächlich weist der Autor bei seinem Aufbau der Physik die unentbehrliche und fundamentale Rolle der Zeitstruktur nach. Sie hat ihre Bedeutung für die begriffliche Formulierung physikalischer Sätze, ebenso wie für das, Verständnis der physikalischen Grundbegriffe der Wahrscheinlichkeit, Kausalität, Irreversibilität, Entropie und damit auch der Evolution der Materie.