Frankfurt a. M.

Sagt Ihnen „Labbeduddel“ etwas? „Knodderbichs“ oder „Herzgebobbel“? Wenn nicht, dann greifen Sie zum nächsten Hörer und wählen 0 69-2 12 50 01. Sie sind mit Deutschlands einzigem Dialekttelefon verbunden. Rund um die Uhr stehen im Presseamt der Stadt Frankfurt fünf Anrufbeantworter bereit, um Sie über die örtlichen Geschehnisse auf dem laufenden zu halten – in bestem Hessisch, versteht sich.

Das „Frehliche Frankforter Telephon“, so der Name der Mundartstrippe, ist in den vier Jahren seines Bestehens zu einer Institution geworden: Beinahe 400 000 Menschen haben bisher angerufen, um Gedichte zum Muttertag zu hören oder sich über Frankfurts Kampf gegen das Waldsterben zu informieren. „Wir haben alles, von hessischen Rezepten bis zu dummen Sprüchen“, meint Karl-Heinz Bonne, Mitarbeiter im Presseamt. Jeden Freitag gegen eins wechselt er die Tonbänder, die wöchentlich drei Minuten Mundart bieten.

Die Idee zu dem ungewöhnlichen Projekt wurde im Altersheim geboren. „Bei Mundartvorträgen fiel mir immer wieder das riesige Interesse der Senioren an ihrem Heimatdialekt auf“, sagt Frankfurts Chefdialektiker Heinz Philipp Müller. H. P., wie Müller in Frankfurt heißt, wandte sich 1978 erstmals an die Stadt. Nach drei Jahren hatte er die kommunalen Beamten vom öffentlichen Bedürfnis nach mehr Mundart überzeugt; im Dezember 1981 liefen die ersten Infos vom Band.

H. P. ist für Frankfurt, was die Académie française für Frankreich. Der Autor von über 20 Frankfurt-Büchern sammelt seit Jahrzehnten Dialektliteratur und weiß allein zwölf verschiedene Schreibweisen für den säuerlichen Lieblingstrunk der Städter. „Apfelwein schreibt man ‚Ebbelwei‘ und nicht ,Äppelwoi‘“, versucht er einen orthographischen Maßstab gegen die örtliche Getränkeindustrie zu verteidigen.

Auch die zweite Mitarbeiterin im Team ist prominent: Liesel Christ alias „Mama Hesselbach“ sinniert am Telephon über Frankfurt und die Welt. Als Direktorin des 1971 gegründeten Frankfurter Volkstheaters macht sie bei ihren Mundartinszenierungen auch vor Klassikern nicht halt. Gleich, ob Goethes „Urfaust“ oder Shakespeares „Was Ihr wollt“: die Bs werden weich und die Endsilben verschluckt.

Der Ruf der Anrufbeantworter ist mittlerweile über Taunus und Odenwald hinaus gedrungen: In Israel, Brasilien und den USA lassen vom Heimweh geplagte Ex-Frankfurter die Gebührenzähler rattern um vertraute Töne zu hören. Liesel Christ wurde im Hafen von Haifa und bei der New Yorker Steuben-Parade auf ihre Telephonohrsorge angesprochen. H. P. berichtet von einem Frankfurter im Exil, der, weil er „das ganze Jahr Hamburger um sich hat“, zum Stammhörer wurde.

Etwa 1500 Anrufe gehen pro Woche im Presseamt ein. Zur Feier der 200. Durchsage hatte das Telephonteam einen Preis ausgeschrieben: Die Anrufer sollten drei mundartfremde Ausdrücke heraushören. Der Ausgang bestätigte die Notwendigkeit der Dialektnachhilfe. Besonders jüngere Hörer hatten Schwierigkeiten, linguistische Fremdkörper wie „Saubazi“, „Heilig’s Blechle“ oder „Buletten“ auszumachen. Uwe Wolf