Was hilft es: Alle Jahre wieder ist Deutschland um diese Zeit dreigeteilt. Die einen laufen Ski (was enorm gesund sein soll, sofern die Knochen nur genügend Elastizität besitzen); die anderen halten Diät, und zwar auf Reis-Basis diesmal, wie zu hören ist, und schon in den nächsten Tagen ist die Meldung zu erwarten, daß im Kurhotel Montafon der Bundeskanzler, wie alljährlich, die Last seines Amtes in vierzehn Tagen um vierzehn Pfund erleichtern wird.

Das letzte Drittel aber klagt darüber, ihm fehle etwas. Der Darm? Das Herz? Die Venen? Nein, sie huldigen der bekannten Formel, daß sich die Widerstandskraft reziprok zur Dauer des Winters verhält, und so hat denn eine Grippe-Epidemie ihr großes Taschentuch über Stadt und Land ausgebreitet. Heiß die Köpfe, rauh die Hälse, gläsern die Augen, Bild fühlt den Puls, und auch die Süddeutsche meldet „Scharlach-Welle in Vaterstetten“ (wo auch immer das liegt – danieder offenbar). Büros arbeiten mit halber Besetzung, und die Hersteller von Eukalyptus-Menthol-Salbe, Kamillentee und Schnupfenkapseln melden Umsatzspitzen.

Längst haben die Krankenkassen alle Erkältungssymptome mit dem mitleidlosen Begriff „Bagatell-Leiden“ belegt. Zur Kostendämpfung im Gesundheitswesen trug diese Wortschöpfung nicht bei – die Wartezimmer füllen sich Tag für Tag, und festzustellen ist, daß sie sich verändert haben. Erinnern wir uns: Früher unterhielt die Patienten irgend etwas zerfleddertes Illustriertes, ein Pharma-Kalender an der Wand sowie die gerahmte Ermahnung: „Bitte denken Sie an den Krankenschein, 2. Quartal“, wobei dank eines sinnreichen Scheibenmechanismus’ die Ziffer auf den jeweils aktuellen Stand zu rücken war.

Von dieser Primitivität ist das Wartezimmer mittlerweile so weit entfernt wie die Schwarzwaldvon der Mayo-Klinik. Abgesehen von beruhigenden Wandfarben und klimaverbessernden Pflanzen (Ficus und Zimmerpalme gelten als virusresistent) liegt nun Buntes in schwerer Papierqualität aus, voran Merian und Madame, mitunter auch ein Hinweis auf die Freizeitbeschäftigung der heilenden Hände: Wild und Hund oder Die Yacht.

Darüber hinaus haben freie Ärztinnen und Ärzte die Kunst des Wartens entdeckt und in ihren Wartezimmern Graphik aufgehängt. Nicht etwa Verschreckendes wie Gottfried Heinweins detailgetreue Kopfverletzungen und -Bandagen, sondern dem Ambiente entsprechend Beruhigendes. Galerien melden gesunden Absatz, wobei einige in vierwöchigem Abstand die Bilder auswechseln. Natur gilt als unverfänglich, sofern sie nicht als nature mort und memento mori daherkommt. Gern gesehen werden Bruno Brunis Paar-Melancholien oder auch die härenen Frauengestalten des Paul Wunderlich. Orthopäden schätzen kräftige Farbkontraste, Bilder vom süßen Leben und See- und Sonnenstücke, berichtet eine Galeristin, die seit Jahren Praxen beliefert. Internisten wählen eher Pastelliges oder Aquarelle. Auffällig häufig hängen bei Gynäkologen sanfte, samtene Katzen, Ferne und Nähe zugleich signalisierend.

Spekulationen darüber, ob diese Bilder nicht nur das Warten verkürzen, sondern auch die Heilung beschleunigen, verbieten sich dem seriösen Beobachter. Dem Vernehmen nach kommen Gespräche über das Gesehene allerhöchstens beim Neurologen oder Psychotherapeuten in Gang.

Und gleichfalls selten ist es, daß die ärztliche Kunst sich selbst ironisiert. Ein Beispiel dafür liefert eine Landarztpraxis in Hessen. Dort hängt, seit Jahren schon, ein Blatt von A. Paul Weber. Der signierte Siebdruck mit dem lakonischen Titel „Rückgrat raus“ zeigt eine gespenstische Szene, einen Strom von Patienten, die am Medicus vorbeizieht. Der nimmt, das Messer im Mund, jedem einzelnen die Wirbelsäule heraus, um sie sauber in einer Schüssel zu stapeln. Gekrümmt verlassen ihn die Leidenden.