Von Ingo Reuss

Prestigesucht oder Ästhetenlaune? Die Antwort läßt sich aus der Statistik der Autoverkäufer nicht ablesen, gewiß ist aber, daß die Metallic-Farben sich neuerdings besonderer Beliebtheit erfreuen – trotz der Aufpreise, die meist für die funkelnden Lacke gefordert werden. Gäbe es die weiße Farbe nicht zum Grundpreis, stünden bei Daimler-Benz wie bei BMW die metallischen Farbtöne ganz vorn. So nahmen sie nur die Ränge zwei bis vier ein: Rauchsilber, Anthrazit und Astralsilber in Untertürkheim, Bronzebeige, Diamantschwarz und Arktisblau in München. Auch Porsche, ein zuverlässiges Barometer der Trendsetter-Szene, spritzt vornehmlich Metalleffektlacke: Schwarz, Preußischblau, Muskatbraun und Moosgrün heißen die neuen Lieblingsfarben der Zuffenhausener Kundschaft.

Bei den großen Herstellern kleiner Autos scheiden sich allerdings die Geschmacksgeister: Fiesta und Escort von Ford, Polo und Golf von VW und Corsa oder Kadett von Opel sind vorzugsweise mit den aufpreisfreien Farben Weiß und Rot gefragt. Aber bei den Konzernflaggschiffen Scorpio und Senator rangeln schon wieder die Flimmerfarben mit Weiß um die Spitze der Käufergunst, und das, obgleich die Sonderlackierung gerade bei den großen Karossen ins Geld geht.

Aber wenn’s um die Mode geht, sitzen die Taler immer etwas lockerer, diese Einsicht teilen sich die Verkäufer von Klamotten und Karossen. Andere als modische Gründe lassen sich für die breite Zuneigung zu Metallictönen kaum finden. Sehr verkehrssicher sind die Funkelfarben nicht, besonders, wenn sie wie derzeit in dunklen Grundtönen geschätzt werden.

Die in den siebziger Jahren beliebten Poplackierungen wie Giftgrün, Grellorange und Gelb, die relativ gute Reflektionswerte hatten und somit bei Nacht oder schlechter Witterung leichter zu sehen waren, sind heute kaum noch gefragt. Warum das so ist, kann keiner sagen. Immerhin blieb die weiße Lackierung ein Verkaufserfolg, Weiß ist nach Studien der Mercedes-Techniker bei weitem die – im Sicherheitseffekt – auffälligste Farbe. Für Metallic-Karossen lassen sich vergleichbare Werte nicht messen, weil die Aluminiumpartikel im Lack das Licht je nach Einfallwinkel verschiedenartig reflektieren. Neue Lacksorten sollen noch bessere Glitzereffekte durch Iriodin statt Aluminium haben.

So wichtig der Sicherheitswert (und so unwichtig der Modereiz) eines Lackes auch ist, seine Hauptaufgabe bleibt es, das „heil’ge Blech“ vor Rost zu schützen. Gerade deutsche Autofahrer gelten in der Industrie als gefürchtete Rostdetektive – chronische Korrosionskarossen lassen die Käufer schnell abwandern. Deshalb werden dem Rostschutz und der Lackierung jetzt besondere Aufmerksamkeit zuteil. Wie lange es trotz solcher Bemühungen dauert, hierzulande von einem rostruinierten Ruf wieder loszukommen, beweisen einige ausländische Autofirmen, die immer noch Mühe haben, ihre einstigen Verkaufsziffern wieder zu erreichen.

Aber was hilft die beste Lackierung, wenn sie durchschlagen wird und das Wasser – von der aggressiven Schmutzbrühe auf der Straße bis zum Sauren Regen in der Luft – bis zum Blech durchdringt und es flugs annagt. Der „Mini-Steinschlag“ hat in den letzten Jahren sichtlich zugenommen, seitdem Splitt vielerorts das Streusalz im Winter ersetzt. „Steinschlagbeständigkeit“ lautet deshalb auch das Entwicklungsziel der Lackchemiker. Und dieses Ziel wird entgegen landläufiger Meinung nicht mit einem besonders dick aufgetragenen Lack erreicht, da dieser leicht reißt und platzt. Dünnere, aber elastischere Färbungen sollen dieses Ziel erreichen, in den Labors laufen entsprechende Experimente.