Ostern in Jerusalem sollte man längst gebucht haben. Der Grundsatz, daß die Letzten die Ersten sein werden, gilt zwar im Himmel, nicht aber für dessen Bodenstationen im Heiligen Land.

Beim Durchblättern der einschlägigen Kataloge wird einem bewußt, wie arm wir modernen Weltreisenden geworden sind. Jedenfalls sehr arm an Abenteuern. So sind auch die Pilgerfahrten selten noch das, was sie ehedem einmal waren, nämlich ein Opfer an Zeit, Gesundheit und Geld, manchmal kosteten sie sogar das Leben. Wer es sehr eilig hat, der kann heutzutage frühmorgens den Pilgerstab zücken, nach Jerusalem jetten, die im Flugzeug gekauften Rosenkränze mit geweihtem Wasser der Grabeskirche netzen, noch schnell einmal filmend zum Gärten Gethsemane huschen und nachts schon wieder, sündenfrei, zu Hause sein. Man stelle sich vor: Ein Kreuzfahrer stak auf der gleichen Reise Monate und oft Jahre in seiner ständig rasselnden Rüstung, und die Truppenseelsorge konnte ihm zwar den Platz im Paradies, keineswegs aber die Rückfahrt garantieren. Dem Pilgerstil des 13. Jahrhunderts näher als dem unseren, reisten noch unsere Urgroßeltern nach Jerusalem. In seinem 1885 in vielen französischen und englischen Ausgaben veröffentlichten Handbuch für Palästinapilger setzte der belgische Franziskanerpater Liévin de Hamme für die Anreise zwei Wochen fest und dreißig Tage für den Aufenthalt. Zur Einstimmung waren selbstverständlich das gesamte Alte und Neue Testament zu lesen. Des Paters lakonische Stichworte riefen dann beim Sightseeing das Gelesene in Erinnerung zurück: „David: Schäfer, schuldig, reuig, Heiliger – Samson: drosch Philister mit Eselskinnbacken – Jesaja: entzweigesagt zu Siloe.“

Als Europäer hatte man vor hundert Jahren außer vielen Goldstücken und den Kreditbriefen auch noch Sattel, Zaumzeug, stopfende und entstopfende Medizin, Chinin, Vaseline, Klopapier und anderes einzupacken. Die Fläschlein Cognac werden vom reisekundigen Gottesmann Lievin verschämt mit „medizinischen Zwecken“ gerechtfertigt. Und unter Punkt 16 empfiehlt er: „Die beste Waffe ist ein guter Revolver. Er ist leicht zu tragen und macht einen großen Eindruck auf die Araber.“ Wie schrieb einst Wilhelm Busch: „Pilgersfrau und Pilgersmann sahen sich verwundert an.“

Was sonst noch fehlte, schaffte der in Jaffa durch schriftlichen Vertrag und im Beisein von zwei Zeugen zu verpflichtende Dragoman herbei, der Privatreiseleiter. Er sorgte für Unterkünfte und Koch, Knechte und Mobiliar, Pferd und Dromedare. Vor allem aber für Nahrung. Für viel Nahrung: „Zum Mittagessen: zweierlei Braten, harte Eier, Butter oder (!) Honig, Fischkonserven, eingemachte Früchte, Käse und anderes Dessert, Kaffee.“ Abends sah der Mustervertrag zusätzlich noch Suppe und zwei Gemüse vor.

Ächzend schwang sich der Pilgrim in den Sattel, schob Tropenhelm und Revolver zurecht, mied die „bakschisch“-flehenden Augen der ein wenig hungrigeren Umgebung – die Karawane machte sich auf den siebzig Kilometer langen Weg nach Jerusalem.

Noch am Stadtrand von Jaffa war schon Vorsicht geboten. Schauderhaftestes Getier hockte im dürren Gebüsch. Wölfe („bei Schneefall“), Bären („im Libanongebirge“), Leoparden („selten“), Panther („vielleicht“), Krokodile („angeblich“).

Fest zu rechnen war indessen mit den Beduinen. Sie seien nüchterne, großzügige und gastfreundliche Burschen, schwärmt Pater Liévin. Nur manchmal halt plünderten sie eben ganze Dörfer und lauerten auch den Reisenden auf. Auch zwanzig Jahre nach dem Mann Gottes warnt Baedekers Reiseführer (London, 1906) noch vor fingierten Überfällen, die einer Art Vermögensumverteilung dienten: Die bei einem solchen Überfall geretteten Pilger ließen auf ihre vermeintlichen Verteidiger einen Goldregen niedergehen, den diese nachts mit dem Dragoman und den „Angreifern“ zu dritteln hatten.